Heft 1, Jg. 69, 2017

Abhandlungen

Bewertungsspiele. Von der Handlungs- zur Koordinationstheorie

Mateusz Stachura
KZfSS, 69, 2017: 1-26

Zusammenfassung: Studien Ungelöste Probleme in der Theorie des Handelns pflanzen sich auf der Ebene der Handlungskoordination fort. Wenn Handlungstheorien mit verkürzten Modellen von Menschen arbeiten, fallen auch Antworten auf Fragen nach der Möglichkeit der sozialen Ordnung, der Herrschaft, der Kooperation auf dem Markt verkürzt aus. Individueller Erfolg und soziale Anerkennung über Normhandlungen sind zwei weit voneinander entfernte Grundsteine, auf welchen bislang separate sozialtheoretische Gebäude hochgezogen wurden. Demgegenüber wird an dieser Stelle ein Konzept des Spiels eingeführt, das die beiden Momente verbindet. Spiele sind erfolgsorientierte und normerfüllende Interaktionen, in welchen Menschen sich wechselseitig bewerten. Normen sind Voraussetzungen sozialen Leistungs- und Qualitätsvergleichs. Menschen halten sich an Normen, um ihre Wertigkeiten gegenüber anderen Menschen zu ermitteln. Das Theorem des Spiels bietet Lösungen für das Problem der Handlungskoordination in der Hierarchie und auf dem Markt.

Schlüsselwörter: Handlungstheorie · Normen · (Selbst-)Regulierung · Markt ·
Hierarchie · Soziale Spiele

Valuation games. From the theory of action to the coordination theory

Abstract: Unsolved problems in the theory of action spread at the level of the coordination social activities. If action theories work with shortened “models of man” also the answers to questions about the possibility of social order, of hierarchie and of the cooperation on the market fall short of requirements. Goal attainment and social recognition are two widely disparate theoretical cornerstones on which hitherto separate theoretical buildings were raised. By contrast, a concept of the social game, which should be introduce here, connects the both moments: Games are goal-oriented interactions in which people recognize themselves mutually. The game player can recognize each other only in the sense that the game is normative regulated. The goal-orientation is thus normative broken. The social recognition is, however, relateled to and relativized by the game success. The theorem of the social game offers solutions to the problem of action coordination in the hierarchy and on the market.

Keywords: Theory of social action · Norms · (Self-)regulation · Markets ·
Hierarchies · Social game

M. Stachura
Max Weber Institut für Soziologie, Universität Heidelberg
Bergheimer Str. 58, 69119 Heidelberg, Deutschland
E-Mail: mateusz.stachura@soziologie.uni-heidelberg.de

Crowdsupporting als Gabentausch. Zur soziologischen Analyse des Crowdfunding

Ingo Schulz-Schaeffer
KZfSS, 69, 2017: 27–50

Zusammenfassung: Crowdfunding ist eine relativ neue Form der durch Internetplattformen vermittelten Finanzierung von Projekten durch Viele. Die als Crowdsupporting bezeichnete Variante weist häufig eine eigentümliche Vermischung von Aspekten des Kaufs und des Konsums einerseits und der Spende und des Engagements für die Sache andererseits auf. Der Beitrag argumentiert auf der Grundlage gabentauschtheoretischer Überlegungen, dass sich die eigennützigen und die uneigennützigen Handlungsorientierungen im Crowdsupporting zu einer eigenständigen und nicht-reduzierbaren Form sozialer Interaktion verbinden. Sie ist Bestandteil eines dreiseitigen Zusammenhanges von Konsum, Verbundenheit mit einer Sache von tieferer Bedeutung und Bezogenheit auf eine Gemeinschaft Gleichgesinnter.

Schlüsselwörter: Crowdfunding · Crowdsupporting · Gabentausch · Fantum · Fan-Ökonomie · Markengemeinschaften

Crowdsupporting as gift exchange. Towards a sociological analysis of crowdfunding

Abstract: Crowdfunding is a relatively new way of funding projects by drawing on small contributions from many individuals mediated through internet platforms. Crowdsupporting is a manifestation of crowdfunding which is often characterized by a peculiar mixing of aspects of market exchange and consumption on the one hand and donation and commitment to a cause on the other. The contribution argues based on gift exchange theory that the selfish and altruistic orientations of crowdsupporting interact in a way which constitutes a distinct form of social interaction not reducible to either of these orientations. This form of social interaction is embedded in a threesided relationship between consumption, commitment to a cause and a community of the likeminded.

Keywords:  Crowdfunding · Crowdsupporting · Gift exchange · Fandom · Fan economy · Brand communities

Ingo Schulz-Schaeffer
Institut für Soziologie, Fakultät VI, Technische Universität Berlin
Fraunhoferstr. 33–36, 10587 Berlin, Deutschland
E-Mail: schulz-schaeffer@tu-berlin.de

 

Der lange Arm der Bildungsexpansion: Die Bedeutung zunehmender elterlicher Bildungsressourcen für die Bildungsbeteiligung von Frauen in Deutschland

Andrea Ziefle
KZfSS, 69, 2017: 51–77

Zusammenfassung: Die Studie kombiniert Daten des ALLBUS und des Soziooekonomischen Panels, um den Beitrag sozialer Herkunftseffekte zur Erklärung des langfristigen historischen Trends der zunehmenden Bildungsbeteiligung von Frauen in Deutschland empirisch abzuschätzen. Für westdeutsche Geburtskohorten können zwei historische Phasen klar unterschieden werden: die Geburtskohorten bis etwa Mitte der 1960er Jahre, in denen sich Bildungschancen von Töchtern weitgehend quer durch alle Schichten erhöht haben und die anschließenden Geburtsjahrgänge, deren steigende Bildungsbeteiligung allein mit der Zunahme elterlicher Ressourcen als sozialstruktureller Kompositionseffekt erklärbar ist. Die steigende Bildungsbeteiligung von Frauen in Ostdeutschland folgt dagegen einem komplexeren Muster, bei dem es in der Gründungsphase der DDR zunächst zu einer allgemeinen Ausweitung der Bildungschancen und einer deutlichen sozialen Öffnung des Bildungssystems kam. In der Spätphase der DDR bewirkte die staatliche Bildungspolitik dagegen eine Stagnation des allgemeinen Bildungsniveaus und einen deutlichen Rückgang der
schichtspezifischen Bildungsbeteiligung, der erst durch die Wiedervereinigung beendet wurde. Ähnlich wie in Westdeutschland ist der deutliche Anstieg der weiblichen Bildungsbeteiligung nach der Wiedervereinigung auch in Ostdeutschland weniger eine kollektive, sondern eine stark durch elterliche Ressourcen geprägte Erfahrung. In beiden Teilen Deutschlands spielen insbesondere die gestiegenen Bildungsressourcen von Müttern eine zentrale Rolle für die Zunahme der Bildungsbeteiligung ihrer Töchter

Schlüsselwörter: Bildungsbeteiligung · Soziale Herkunft · Bildungsexpansion · Sozialer Wandel · Chancengleichheit · Kohortenvergleich

The long arms of educational expansion: rising parental education as an explanation of the historical increase in women’s educational attainment in Germany

Abstract: The study combines survey data from the German General Social Survey (ALLBUS) and the German Socio-Economic Panel (GSOEP) to address the role of changing parental resources in explaining the long-run historical trend of women’s rising educational attainment in Germany. For West German cohorts, the analysis suggests a distinction between two historical periods: a first one for birth cohorts up until the mid-1960s, when daughters’ educational attainment increased uniformly across all social strata, and a second period among women from younger birth cohorts, for whom all observable change in educational attainment can be explained as a pure compositional effect due to rising levels of parental resources. Rising educational attainment among East German cohorts has followed a more complex historical pattern, however, as women first benefitted from rapid educational expansion and the equalization of educational opportunity during the first two decades of the GDR. With educational policies reversed since the 1970s, East German women saw their educational progress stalled, and class-specific educational attainment actually in decline up until the point of German reunification. With reunification, women’s educational attainment increased sharply, but, as among Western cohorts, mostly as a reflection of the growth of parents’ private resources. In both parts of Germany, parental education rather than class has been the key factor at the family level, and increasingly so the rising education of mothers.

Keywords: Educational attainment · Social origins · Educational expansion · Social change · Inequality of educational opportunity · Cohort analysis

Andrea Ziefle
FB 03 Gesellschaftswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Theodor-W.-Adorno-Platz 6, 60629 Frankfurt a. M., Deutschland
E-Mail: aziefle@soz.uni-frankfurt.de

 

Horizontale und vertikale Adäquanz im Anschluss an die betriebliche Ausbildung in Deutschland. Zur Bedeutung von Merkmalen des Ausbildungsberufs

Laura Menze
KZfSS, 69, 2017: 79–107

Zusammenfassung: Absolventen des dualen Systems der Berufsausbildung in Deutschland haben unterschiedlich gute Chancen auf einen direkten Übergang in horizontal und vertikal adäquate Arbeitsmarktpositionen. Der Artikel diskutiert die Rolle von strukturellen Merkmalen von Ausbildungsberufen für diese unterschiedlichen Chancen. Der Fokus liegt auf drei Merkmalen: die durchschnittlichen Ausbildungskosten, der Grad der beruflichen Schließung und die Breite der Qualifikationen. Anhand von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) wird die erste Arbeitsmarktposition von betrieblich Ausgebildeten der Abschlussjahrgänge 1974 bis 2004 in Westdeutschland untersucht. Indikatoren für die beruflichen Merkmale werden mit Daten der BIBB-Kosten-Nutzen-Erhebungen und der BIBB/IAB-Erwerbstätigenbefragungen gebildet und den Individualdaten zugespielt. Mithilfe von multinomialen logistischen Regressionsmodellen wird der Einfluss der Berufsmerkmale auf die Wahrscheinlichkeit untersucht, überhaupt eine Erwerbstätigkeit zu finden sowie horizontal und vertikal adäquate Positionen zu erreichen. Es zeigt sich, dass die betrachteten Merkmale des Ausbildungsberufs für betrieblich Ausgebildete unterschiedliche Optionen sowohl innerhalb des erlernten Berufs als auch in anderen Berufen eröffnen. Der Artikel leistet einen Beitrag zu unserem Verständnis dafür, wie berufliche Merkmale individuelle Arbeitsmarktchancen strukturieren und zeigt langfristige Konsequenzen von ungleichen Zugangschancen zu Ausbildungsberufen auf.

Schlüsselwörter: Arbeitsmarkteintritt · Ausbildungsberufe · Horizontale und vertikale Adäquanz · Ausbildungskosten · Berufliche Schließung · Qualifikationsbreite

Horizontal and vertical matches after apprenticeship training in Germany. On the impact of characteristics of the training occupation

Abstract: Graduates of the German dual system of vocational education and training differ in their chances of directly entering horizontally and vertically matching labour market positions. This article discusses how structural characteristics of training occupations impact such differences. I focus on three characteristics: the average training costs, the degree of occupational closure and how broadly applicable the qualifications are. Using data from the National Educational Panel Study (NEPS), I analyse the first labour market position for individuals who graduated from apprenticeship training between 1974 and 2004 in West Germany. I develop measures for occupational characteristics based on data from the BIBB Cost Benefit Studies and the BIBB/IAB Employment Surveys and merge these measures with the individual-level data. Applying multinomial logistic regression models, I simultaneously analyse the influence of the occupational characteristics on the probability to find employment in the first place and to reach horizontally and vertically matching positions. The results show that the occupational characteristics provide different opportunities within the training occupation but also within other occupations. The article, thus, helps us understand how occupational characteristics structure individual labour market chances and sheds light on the long-term consequences of unequal access to training occupations.

Keywords: Labour market entry · Training occupations · Horizontal and vertical match · Training costs · Occupational closure · Occupational specificity

Laura Menze
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Reichpietschufer 50, 10785 Berlin, Deutschland
E-Mail: laura.menze@wzb.eu

 

Sozialer Status und prosoziales Handeln: Ein Quasi-Experiment im Krankenhaus

Ulf Liebe · Elias Naumann · Andreas Tutic
KZfSS, 69, 2017: 109–129

Zusammenfassung: Soziologische, sozialpsychologische und ökonomische Forschung zum Zusammenhang von sozioökonomischem Status und Prosozialität hat bisher widersprüchliche Befunde geliefert . Einige Studien belegen, dass Akteure mit hohem sozialen Status egoistischer als Akteure mit geringem sozialem Status handeln. Andere Studien finden gerade den gegenteiligen Effekt. Im Unterschied zur bisherigen Forschung, die mit eindimensionalen Maßen für sozioökonomischen Status gearbeitet hat, untersucht die vorliegende Studie prosoziales Handeln von Berufsgruppen, die in regelmäßigem lebensweltlichen Kontakt miteinander stehen. Über 150 Angestellte in Krankenhäusern (Ärzte, Pflegepersonal und Pflegeschüler) haben an Experimenten zum altruistischen Geben in Diktatorspielen teilgenommen. Es zeigen sich klare und überraschend starke Effekte: Sozial besser gestellte Akteure zeigen sich deutlich prosozialer als sozial schlechter gestellte Akteure. Zudem finden wir kaum Eigengruppeneffekte, die in der Forschung immer wieder postuliert werden. Unsere Ergebnisse stützen die Annahme eines positiven Zusammenhangs zwischen sozialem Status und Prosozialität und deuten darauf hin, dass die bisherigen, teilweise widersprüchlichen Forschungsbefunde zu einem beträchtlichen Teil durch problematische Maße für sozialen Status und das experimentelle Design bedingt sind.

Keywords: Altruismus · Experiment · Diktatorspiel · Prosozialität · Sozioökonomischer Status · In-group Bias

Social status and prosocial behavior: a quasi-experiment in the hospital

Abstract: Sociological, social psychological and economic research on the nexus between socioeconomic status and prosociality has so far provided contradictory findings. Some studies suggest that actors with a high socioeconomic status actmore egoistically than actors with a lower socioeconomic status. Other studies find the opposite to be true. In contrast to previous research, which has worked with one-dimensional measures for socioeconomic status, this study examines prosocial behavior among occupational groups that have regular real-life contact in their workspace. About 150 hospital employees (physicians, nursing staff and nursing students) participated in experiments on altruistic giving in dictator games. The findings are surprisingly strong and clear-cut: Actors with higher social status act more prosocial than low-status actors. Furthermore, we find hardly any in-group effects, which have been repeatedly postulated. Our findings support the claim that high status promotes prosocial behavior. Also, they indicate that the inconclusive and in part contradictory findings provided by previous research stem to a considerable degree from deficient measures of social status and problematic experimental designs.

Keywords: Altruism · Experiment · Dictator game · Prosociality · Socioeconomic status · In-group bias

Ulf Liebe
Institut für Soziologie, Universität Bern
Fabrikstraße 8, 3012 Bern, Schweiz
E-Mail: ulf.liebe@soz.unibe.ch

Elias Naumann
SFB 884 „Political Economy of Reforms“, Universität Mannheim, L 13 17
68131 Mannheim, Deutschland
E-Mail: naumann@uni-mannheim.de

Andreas Tutic
Institut für Soziologie, Universität Leipzig
Beethovenstr. 15, 04107 Leipzig, Deutschland
E-Mail: andreas.tutic@sozio.uni-leipzig.de

 

Berichte und Diskussionen

Zentrum und Peripherie im globalen Wissenschaftssystem. Wie das symbolische Kapital von Universitäten die internationalen Mobilitätschancen von Soziologiestudierenden beein-flusst

Jürgen Gerhards · Silke Hans · Daniel Drewski
KZfSS, 69, 2017: 131–147

Zusammenfassung: In einer experimentellen Studie untersuchen wir, welchen Einfluss das symbolische Kapital nationaler Hochschulsysteme und einzelner Universitäten auf die internationalen Mobilitätschancen von Doktoranden hat. Dazu haben wir fiktive Anfragen internationaler Doktoranden an deutsche Soziologieprofessoren verschickt, in denen um eine Betreuung für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland gebeten wurde. Die Anfragen unterscheiden sich in der Herkunft der Bewerber (Yale, Pennsylvania State University (beide USA), National University Singapore, Vietnam National University Hanoi). Die Befunde zeigen, dass Bewerber der amerikanischen Universitäten häufiger positive und zudem informativere und persönlichere Rückmeldungen erhalten als die Bewerber aus Singapur und Vietnam. Zudem spielt das symbolische Kapital der Universität eine größere Rolle als die fachliche Qualität des jeweiligen soziologischen Instituts, was in normativer Hinsicht problematisch ist.

Schlüsselwörter: Symbolisches Kapital von Universitäten · Studentische Mobilität · Experiment

Center and periphery in the global system of higher education.
How the symbolic capital of universities shapes the international mobility of sociology students

Abstract: We use an experimental design to analyse the effect of symbolic capital of a nation’s higher education system and of single universities on students’ opportunities for international mobility. Fake applications of international doctoral students were sent to German sociology professors, who were asked to serve as supervisors during a research visit in Germany. Our fake applicants come from four different universities: Yale, Pennsylvania State University, National University Singapore, and Vietnam National University Hanoi. The results show that applicants from both US institutions get more positive, more informative and more personal feedback than applicants from Singapore and Vietnam. Moreover, the symbolic capital of a university seems more important than the quality of a specific department, which is problematic in normative terms.

Keywords:  Symbolic Capital of Universities · Student Mobility · Experiment

Jürgen Gerhards · Daniel Drewski
Institut für Soziologie, Freie Universität Berlin
Garystraße 55, 14195 Berlin, Deutschland
E-Mail: j.gerhards@fu-berlin.de; daniel.drewski@fu-berlin.d

Silke Hans
Institut für Soziologie, Georg-August-Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 3, 37073 Göttingen, Deutschland
E-Mail: silke.hans@sowi.uni-goettingen.de

Literaturbesprechungen

Soziologie des Wissenschaftssystems

  • Neumann, Ariane: Die Exzellenzinitiative. Deutungsmacht und Wandel im Wis-
    senschaftssystem. (Alexander Lenger)

Soziologie der Menschenrechte

  • Heintz, Bettina, und Britta Leisering (Hrsg.): Menschenrechte in der Weltge-
    sellschaft. Deutungswandel und Wirkungsweise eines globalen Leitwerts. (Doris Mathilde Lucke · Jan-Malte Hunfeld)

Soziologiegeschichte

  • Von Freyberg, Thomas: Sperrgut. Zur Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozi-
    alforschung zwischen 1969 und 1999. Geleitwort von Oskar Negt. (Fabian Link)

Religionssoziologie

  • Stolz, Jörg, Judith Könemann, Mallory Schneuwly Purdie, Thomas Englberger und
    Michael Krüggeler: Looking behind the label. Global industries and the conscientious consumer. Geleitwort von Oskar Negt. (Franz Höllinger)

Stadtsoziologie

  • Siebel, Walter: Die Kultur der Stadt. (Henrik Schultze)

Elitenforschung

  •  Hartmann, Michael: Die Globale Wirtschaftselite. Eine Legende. (Jürgen Gerhards)

Soziologie des Holocaust

  • Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. (Ulrike Schulz · Henry Marx)

 

Nachrichten und Mitteilungen

Ankündigungen

Sozial(arbeits)wissenschaftliche Forschung in der Migrationsgesellschaft. Zwischen kritischer Wissensproduktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit

Öffentliche Tagung veranstaltet vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule für angewandte Wissenschaften Kiel, in Kooperation mit der DGS-Sektion Migration und Ethnische Minderheiten und der Friedrich Ebert Stiftung Bonn, 10.–11. Mai 2017 in Kiel.

Durch die nach wie vor aktuelle Flüchtlingsschutzkrise ist die Frage nach dem angemessenen gesellschaftlichen Umgang mit Migration und Flucht auf der politischen Agenda ganz weit nach oben gerückt. In dieser Situation wird von der migrations-wissenschaftlichen Forschung unter anderem erwartet, dass sie Analysen der Ursachen und Folgen von Migration vorlegt; dass sie konkrete Maßnahmen empfiehlt und wissenschaftlich begründet sowie deren Umsetzung begleitet; und dass sie eine Reflektion der moralischen und ethischen Grundlagen der Migrationspolitiken liefert. Die Kooperationsveranstaltung – die zugleich Frühjahrstagung der DGS-Sektion Migration und ethnische Minderheiten ist – verfolgt das Ziel, den Zusammenhang und die Wechselwirkung der migrationswissenschaftlichen Wissenspro-duktionen in den drei Feldern Analyse, Empfehlung und Grundlagenorientierung zu betrachten. Dabei wird insbesondere die sozialarbeitswissenschaftliche Migrationsforschung in den Blick genommen.

Organisation: Prof. Dr. Ayça Polat, Prof. Dr. Gaby Lenz, Doris Neppert (FH Kiel), Dr. Norbert Cyrus (DGS-Sektion MeM), Günther Schultze (FES)
http://www.soziologie.de/uploads/media/16-10_Cfp_Fruehjahrstagung_2017_Kiel.pdf

Sektion Sozialpolitik in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Jahrestagung der Sektion 2017. Angst im Sozialstaat – Sozialstaat in Angst? 22.–23. Juni 2017 in Berlin.

Flüchtlingskrise, Gewalt im öffentlichen Raum, rechtspopulistische Angstrhetorik als Wahlkampfstrategie – seit Monaten diskutieren Medien und kritische Zeitbeobachter über ein Klima der Angst, welches das Gemeinwesen durchdringe und bei den Regierenden Handlungsdruck bzw. „Angst vor der Angst“ (Tagesspiegel 14.01.16) auslöse. Mit Blick auf die allgemeine Verunsicherung und ihre Konsequenzen an den Wahlurnen wird zuweilen gar konstatiert, dass „die Angst regiert“ (die Zeit 3.3.16). Der Angstdiskurs floriert, und wenngleich er oftmals die Flüchtlingsthematik (und deren politische Instrumentalisierung) fokussiert, so verweist er doch auf tieferliegende Probleme im innern der Gegenwartsgesellschaft. Allerdings bleiben die Hintergründe aktueller „Angstdynamiken“ und ihrer öffentlichen Thematisierung oft im Dunkeln – auch und besonders im Hinblick auf die Rolle des Sozialstaats, der in der entwickelten westlichen Moderne immer auch als angstmindernder „Integrationsstifter“ verstanden wurde. Im Zentrum der Jahrestagung der Sektion Sozialpolitik 2017 soll das Verhältnis von Angst und Sozialstaat stehen, also aktuelle sozialwissenschaftliche Forschung, die dieses Verhältnis direkt oder indirekt in den Blick nimmt, bezogen auf Deutschland oder auch international vergleichend, eher theoretisch-kon-
zeptionell oder eher empirisch. Überall geht es nicht zuletzt um die Frage, wer bzw. was im zeitgenössischen Sozialstaat Angst schürt, wem sie nützt, und was sie anrichtet im Hinblick auf Prozesse des sozialen Ausgleichs und gesellschaftlicher Integration. Kurzum: Wie verändern die Angstdynamiken die Verhältnisse im deutschen Sozialstaat? Müssen wir auf dauer mit einem angstgetriebenen Sozialstaat – einem „Sozialstaat in Angst“ leben, oder sind eventuell sogar gegenläufige Dynamiken erkennbar?

Organisation: Ingo Bode (ibode@uni-kassel.de) und Sigrid Betzelt (sigrid. betzelt@hwr-berlin.de)
http://www.soziologie.de/fileadmin/user_upload/Sektionen/Sozialpolitik/CfP_Tagung_Angst_Sek_Sopo.pdf

Alter(n) und Geschlecht: Diversität und Diversifikation
Frühjahrstagung der Sektion Alter(n) und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), veranstaltet mit dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA), 24.-25. März 2017 in Berlin.

Alter und Altern sind, ebenso wie Geschlecht, soziale Konstruktionen, durch Doing Age beziehungsweise Doing Gender konstruiert. Es erscheint vielversprechend, die Diversität und die Diversifikation des Alter(n)s mit Fokus auf die Dimension Geschlecht genauer zu beleuchten, um sowohl der Vielfalt als auch ihrer Veränderung in der Lebensphase Alter und im Prozess des Alterns gerecht zu werden. Das Alter gibt es nicht: Wie Personen altern und wie sie die Lebensphase Alter erleben, hängt von vielen Faktoren ab, und insbesondere von ihrem Geschlecht und ihrem Körper. In der soziologischen Betrachtung kommt hierbei Gender, also dem sozialen Geschlecht, eine herausragende Rolle zu. Menschen unterschiedlichen Geschlechts erleben viele Aspekte des Alterns und des Alters unterschiedlich. Die jeweiligen Lebenssituationen in vielfältigen Lebensformen unterscheiden sich zum Teil deutlich. Aus quantitativen Studien, in denen in der Regel nur zwei Geschlechter Berücksichtigung finden, ist zum Beispiel bekannt: Frauen leben im höheren Lebensalter nach Trennung oder Verwitwung häufiger allein als Männer, auch aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung. Frauen übernehmen auch im Alter häufiger Haushalts‐ und Pflegetätigkeiten als Männer, und ältere Frauen üben deutlich seltener politische Ämter aus als ältere Männer. Dagegen schaffen es Frauen eher, soziale Beziehungen auch im Alter aufrechtzuerhalten; die sozialen Netzwerke von Männern und die damit einhergehenden Unterstützungspotenziale in späteren Lebensphasen sind im Durchschnitt kleiner als die von Frauen. Die Intersektionalität von Alter und Geschlecht rückt – in Verbindung mit weiteren Strukturmerkmalen wie Bildung, Klasse, Schicht, Einkommen, Migrationshintergrund – in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses. Auf der Frühjahrstagung sollen verschiedenste Fragen zu Alter(n) und Geschlecht gemeinsam diskutiert werden.
Organisation: Julia Simonson (Deutsches Zentrum für Altersfragen, DZA), Claudia Vogel (Deutsches Zentrum für Altersfragen, DZA) und Klaus R. Schroeter (Fachhochschule Nordwestschweiz, FHNW)
http://www.soziologie.de/uploads/media/16-10_CfP_Alter-n_Geschlecht_Fruehjahrstagung_2017.pdf

Call for Papers

Herumschnüffeln – aufspüren – einfühlen
Ethnographie als ‚hemdsärmelige‘ und reflexive Praxis von Ronald Hitzler, Matthias Klemm, Simone Kreher, Angelika Poferl und Norbert Schröer
23-24. Juni 2017 in Fulda.

Feldforschung und insbesondere teilnehmende Beobachtung als basales Verfahren der Entdeckung der (Un-)Ordnung sozialer Welten wurden bekanntlich schon in der ersten Phase der Chicago School of Sociology etabliert. Dort wurden Anfang des 20. Jahrhunderts auch bereits Erfahrungen im Umgang mit Interviews, mit dem Mapping und mit der Analyse von Dokumenten gemacht. Dort liegen auch die Anfänge der biographischen Methode und der Fallstudienorientierung. Insbesondere Robert E. Park hielt seine Studierenden an, im Feld herumzuflanieren, sich überraschen zu lassen, bereit zu sein, Vororientierungen aufzugeben; kurz: herumzuschnüffeln („nosing around“). Die konzeptionelle Kontrolle (oder theoretische Integration) der entdeckten Zusammenhänge wird im begleitenden oder im anschließenden Dialog mit den sozialwissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen geleistet. Diese vertreten den sozialwissenschaftlichen Fragen- und Wissenshorizont der Feldforschung, der zugleich durch die erhobene, in Daten gefasste und reflektierte Erfahrungsbildung der Ethnographin irritiert werden kann und soll. Die 6. Fuldaer Feldarbeitstage orientieren sich an dieser Idee des Primats einer soziologisch „vorinformierten“ Neugier und des Staunenkönnens in der Ethnographie. Das Prinzip des „nosing around“ erinnert daran, dass das dialogisch-interpretative Verfahren zuvörderst die Einnahme einer nicht standardisierenden (und nicht-normativen) Haltung fordert, über die in allen Phasen der Untersuchung – reflexiv, dialogisch und kenntnisorientiert – Rechenschaft abzulegen ist. Die Wissenschaftlichkeit ethnographischen Forschens besteht, so gesehen, nicht in ‚abgeklärter‘ Methodengeleitetheit, sondern in der erfahrungsbezogenen Reflexivität sowie in der praktisch-diskursiven Kontrolliertheit des wissenschaftlichen Dialogs. Erst als dialogisch-reflexive ist sozialwissenschaftliche Ethnographie seriöse wissenschaftliche Rekonstruktion gesellschaftlicher Konstruktionen. Erst so liefert sie Konstruktionen „zweiter Ordnung“ im Sinne von Alfred Schütz.
Auf den 6. Fuldaer Feldarbeitstagen soll im Hinblick auf aktuelle Forschungsinteressen der Teilnehmenden das dialogisch reflexive Herumschnüffeln, Aufspüren und Einfühlen hin zu einer erfahrungsgetränkten Theoriebildung an ethnographischen Studien aufgezeigt und in seinen methodischen und methodologischen Konsequenzen diskutiert werden. Zu klären wäre etwa, welchen Nutzen die ‚bewährten‘ und in Handbüchern zusammengefassten ‚methodischen Empfehlungen’ ohne Bezug zu Forschungsfragen und Wissensständen für nicht-standardisierte Verfahren überhaupt (noch) haben und welche Folgen das Postulat des Herumschnüffelns für das Postulat der Adäquanz hat.
Maximal 4.000 Zeichen umfassendes Abstracts bitte bis 31. März 2017 an Norbert Schröer: Norbert.Schroer@sk.hsfulda.de

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