Heft 2, Jg. 69, 2017

Abhandlungen

Manipulationen in der Transplantationsmedizin. Ein Fall von organisationaler Devianz?

Markus Pohlmann · Kristina Höly
KZfSS, 69, 2017: 181-207

Zusammenfassung: Die Manipulationen der Wartelisten für ein Organ durch Transplantationsmediziner haben in den letzten Jahren in Deutschland Aufsehen erregt. Der Artikel behandelt die Frage, wie sich diese Manipulationen erklären lassen. Er tut dies mittels der Analyse von Gerichtsakten und Prüfberichten sowie der Durchführung von Interviews. Er legt die theoretische Perspektive organisationaler Devianz zugrunde und prüft, inwiefern sich die Manipulationen durch individuelle und/oder organisationale Devianz erklären lassen. Dazu werden die inhaltsanalytisch gewonnenen Strukturdaten mit den in einer Deutungsmusteranalyse herausgearbeiteten Deutungs- und Handlungsregeln in diesem Feld verbunden. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Häufigkeit und Art der Manipulationen für ein organisiertes Handeln sprechen, das sich mittels des medizinischen Wettbewerbsdrucks, der straffen fachautoritären Hierarchien und der Sozialisation in einem Pionierfeld der Medizin
etablieren konnte. Dazu waren nach bisherigem Kenntnisstand keine persönliche Bereicherung und keine kriminelle Energie notwendig. Diese Form organisationaler und „professioneller“ Devianz kann stattdessen durch organisationale Anreizstrukturen und professionsbezogene Autonomie und Reputationsorientierungen erklärt werden. Sie unterscheidet sich maßgeblich von der Wirtschaftskriminalität, weil der ökonomische Nutzen nur eine untergeordnete Rolle spielt und die tragische Wahlsituation unter der Bedingung der Organknappheit dafür sorgt, dass sowohl bei Regeleinhaltung als auch bei Regelabweichung bestimmte Patienten sterben.

Schlüsselwörter: Organisationale Devianz · Brauchbare Illegalität · Manipulation ·
Transplantationsmedizin · Hellfeldanalyse

Manipulation in transplant medicine. A case of organizational deviance?

Abstract: In recent years, the frequent manipulation of the waiting lists for an organ transplant by physicians caused a stir in Germany. This article deals with the question of how to explain these manipulations. It does so, by analyzing court records, audit reports and interviews. The authors make a case for applying the theoretical perspective of organizational deviance, and they examine empirically to what extent the individual and/or organizational deviance accounts for the manipulations. To this end, they combine the content analysis of structural data with the collective mindset analysis of interview data, which links the deviant behavior to the rules that guide cognition and action in this particular field. They conclude that the frequency and nature of the manipulations indicates an organized action that was established due to the medical competitive pressure, the tight hierarchies of authority and expertise, and the socialization of the pioneers in an innovative field of medicine. According to present knowledge, neither personal enrichment nor criminal energy was necessary to manipulate. This form of organizational and “professional” deviance may instead be explained by organizational incentive structures and the dominance of professional autonomy and reputation. Thus, it differs significantly from economic crime, because the economic benefits only play a minor role. Instead, the tragic choice situation that is structured by the relative scarcity of organs implies that in both cases, be it regulatory compliance or organizational deviance, certain patients die.

Keywords: Organizational deviance · Useful illegality · Manipulation · Transplant
medicine · Collective mindset analysis

M. Pohlmann
Max-Weber-Institut für Soziologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Bergheimer Straße 58, 69115 Heidelberg, Deutschland
E-Mail: markus.pohlmann@soziologie.uni-heidelberg.de

K. Höly
E-Mail: kristina.hoely@soziologie.uni-heidelberg.de

Die „Alternative für Deutschland“: eine Partei für Modernisierungsverlierer?

Holger Lengfeld
KZfSS, 69, 2017: 209–232

Zusammenfassung: Würden Personen, die zu den Verlierern der durch wirtschaftliche Globalisierung geprägten Modernisierung Deutschlands zählen, in der kommenden Bundestagswahl häufiger die Alternative für Deutschland (AfD) als andere Parteien wählen? Basierend auf Befunden der Arbeitsmarkt-, Ungleichheits- und Wahlforschung sowie der AfD-Programmatik finde ich Argumente für und gegen diese „Modernisierungsverliererthese“. Diese These wird anschließend mit neuen Umfragedaten geprüft, die November 2016 unter 1031 in Deutschland wahlberechtigten Personen erhoben wurden. Dazu verwende ich den Indikator der Wahlabsicht („Sonntagsfrage“) und führe deskriptive Gruppenvergleiche und Logit-Regressionen mit Ausgabe von AME-Koeffizienten durch. Die für Modernisierungsverlierer typischen niedrigen Statuslagen (geringer Bildungsgrad, berufliche Tätigkeit als Arbeiter und geringes Einkommen) haben keine signifikant höhereWahrscheinlichkeit auf die Absicht, in der kommenden Bundestagswahl für die AfD zu stimmen. Gleiches gilt für Personen, die sich als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung betrachten. Die empirischen Befunde weisen tendenziell auf eine stärkere AfD-Wahlabsicht von Personen mit mittlerer und höherer Statuslage hin. Damit konnte kein Hinweis auf die Gültigkeit der Modernisierungsverliererthese gefunden werden. Ich komme zum Schluss, dass Wahlkampfstrategien anderer Parteien, die auf die materiellen Interessen der Modernisierungsverlierer ausgerichtet sind, wahrscheinlich nicht dazu führen werden, die Zahl der potenziellen Wähler der AfD in der bevorstehenden Bundestagswahl 2017 maßgeblich zu verringern.

Schlüsselwörter: Alternative für Deutschland (AfD) · Deprivation · Modernisierungsverlierer · Rechtspopulismus · Sozioökonomischer Status · Umfrageforschung

The “Alternative für Deutschland”: a party for losers of societal modernisation?

Abstract: In the upcoming federal elections, will people who may be considered as the losers from Germany’s economic globalisation-influenced modernisation be more likely to vote for Alternative für Deutschland (AfD) than for other parties? Based on findings from the labour market, inequality and electoral research as well as the AfD’s own stated objectives, this article finds arguments both for and against this Modernisation Losers’ thesis. This conclusion will finally be checked with new survey data of November 2016 gathered from 1031 eligible German voters. I use the indicator of voting intention (opinion polls), and carry out descriptive group comparisons and Logit Regressions with the AME-Coefficient edition. Findings show that the typical low social status characteristics of losers of modernisation (low education status, vocational activity as a worker, and low income) do not indicate a significantly higher probability for the intention to vote for the AfD in the upcoming federal election in Germany. The same applies for people who consider themselves as losers of societal development. The empirical evidence points towards a tendency for people of a middle or upper class status to have a stronger intention to vote for the AfD. Therefore, no evidence could be found validating theModernisation Losers’ thesis. I draw the conclusion that election strategies of other parties, that are based on the material interests of the losers of modernisation, are likely to not result in a substantial reduction in the number of potential voters for the AfD in the forthcoming 2017 federal election.

Keywords:  Alternative für Deutschland (AfD) · Deprivation · Losers of modernisation · Right wing populism · Socioeconomic status · Survey research

H. Lengfeld
Institut für Soziologie, Universität Leipzig
Beethovenstr. 15, 04107 Leipzig, Deutschland
E-Mail: holger.lengfeld@uni-leipzig.de

 

Medien, Wahlprogramme, Einkommensungleichheit.
Warum thematisieren Printmedien und Parteien soziale Gerechtigkeit?

Martin Schröder · Florian Vietze
KZfSS, 69, 2017: 233–257

Zusammenfassung: Wir untersuchen, ob Medienaufmerksamkeit für soziale Gerechtigkeit dazu führt, dass Parteien sich dem Thema widmen oder ob umgekehrt politische Aufmerksamkeit für das Thema soziale Gerechtigkeit dazu führt, dass Zeitungen über das Thema schreiben. Dazu führen wir eine quantitative Inhaltsanalyse mit allen Artikeln durch, die zwischen 1946 und 2013 in den Printmedien Die Zeit, Der Spiegel und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen sind. Mit Daten des Party Manifesto Projects zeigen wir, dass Parteien sich in ihren Wahlprogrammen stärker mit dem Thema soziale Gerechtigkeit auseinandersetzen, nachdem Printmedien mehr über soziale Gerechtigkeit geschrieben haben, unabhängig vom Ausmaß tatsächlicher Einkommensungleichheit. Für den umgekehrten Zusammenhang, dass Wahlprogramme die Berichterstattung beeinflussen, finden wir kaum Hinweise. Unsere Ergebnisse zeigen somit, dass nicht Parteien die Medien beeinflussen, sondern Medien die politische Agenda bestimmen, unabhängig von den hinter der Berichterstattung stehenden Realweltindikatoren.

Schlüsselwörter: Soziale Gerechtigkeit · Soziale Ungleichheit · Quantitative Inhaltsanalyse · Policy-Responsiveness · Medienwirkungsforschung · Agenda-Setting · Wahlprogramme

Media, Party Manifestos, Income Inequality.
What Makes Social Justice an Issue?

Abstract: We analyse if media coverage of social justice issues affects whether political party manifestos deal with social justice or whether political party manifestos conversely influence how much media reports about social justice issues. To understand whether the media influence politics or whether politics conversely influences media coverage, we use a quantitative content analysis of all articles that appeared in Die Zeit, Der Spiegel and Frankfurter Allgemeine Zeitung since 1946, together with data from the Party Manifesto Project. Our results show that news coverage of social justice influences what percentage of party manifestos is devoted to the topic of social justice, independently of actual income inequality. We find little indication of the contrary link, which is that party manifestos influence media coverage on social justice issues. Thus, our findings show that the news media set the agenda of political parties, independently of real-world indicators.

Keywords: Social justice · Social inequality · Quantitative content analysis · Policy responsiveness · Media impact studies · Agenda-setting · Party manifestos

M. Schröder · F. Vietze
Institut für Soziologie, Philipps-Universität Marburg
Ketzerbach 11, 35037 Marburg, Deutschland
E-Mail: martin.schroeder@uni-marburg.de; florian.vietze@uni-marburg.de

 

Beeinflussen Sanktionsrisikoeinschätzungen das delinquente Handeln junger Menschen oder ist es umgekehrt? Befunde einer deutschen Längsschnittuntersuchung.

Daniel Seddig · Helmut Hirtenlehner · Jost Reinecke
KZfSS, 69, 2017: 259–282

Zusammenfassung: Bei der Erforschung der Abschreckungswirkung von Strafe sind querschnittlich angelegte Fragebogenuntersuchungen nicht in der Lage, Erfahrungseffekte (Wirkungen früherer Delinquenz auf die Sanktionsrisikowahrnehmung) effizient von Abschreckungseffekten (Wirkungen der Sanktionsrisikowahrnehmung auf spätere Delinquenz) zu trennen. In den wenigen vorhandenen Längsschnittstudien, die eine Separierung der beiden Effektarten ermöglichen, wird regelmäßig das Vorhandensein von Erfahrungseffekten bestätigt. Anhand einer Paneluntersuchung mit 1950 befragten Jugendlichen aus Duisburg wird hier die Frage nach der Existenz von Abschreckungs- und Erfahrungseffekten während des Jugendalters analysiert. Ergebnisse eines Panelmodells mit autoregressiven und kreuzverzögerten Effekten deuten auf die Dominanz von Erfahrungseffekten hin. Die mangelnde Nachweisbarkeit einer systematischen Abschreckungswirkung wahrgenommener Sanktionierungsrisiken (bei zeitversetzten Messungen von Risikoeinschätzung und delinquentem Verhalten) wirft ein kritisches Licht auf die Befunde der querschnittlichen Wirkungsforschung und mahnt zur Vorsicht hinsichtlich der Erwartungen an mögliche Erträge einer Ausweitung gerichtlicher Straftätigkeit.

Schlüsselwörter: Abschreckung · Risikowahrnehmung · Jugenddelinquenz · Panelstudie

Does the perceived risk of sanctions influence juvenile delinquent
behavior or vice versa? Results from a German longitudinal study.

Abstract: Perceptual deterrence research is characterized by a numerical dominance of cross-sectional studies. However, cross-sectional studies are unable to separate experiential effects (effects of prior delinquency on subsequent perceptions of sanction risk) from deterrent effects (effects of current perceptions of sanction risk on subsequent delinquency). The few longitudinal studies in the field, allowing to disentangle experiential and deterrent effects, usually find that experiential effects exist and that they are substantially larger than the deterrent effect. With panel data from 1950 adolescents, collected in a longitudinal study in Duisburg, Germany, this paper investigates the existence of experiential and deterrent effects during adolescence. Results from a panel model with autoregressive and cross-lagged effects suggest the dominance of experiential effects. Evidence in favor of deterrence remains limited, suggesting a critical view on findings from cross-sectional perceptual deterrence research and skepticism concerning the crime-preventive returns of more frequent legal punishment.

Keywords: Deterrence · Sanction research · Juvenile delinquency · Panel study

D. Seddig
Institut für Soziologie und Sozialpsychologie, Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln, Deutschland
E-Mail: dseddig@uni-koeln.de

H. Hirtenlehner
Institut für Strafrechtswissenschaften, Johannes Kepler Universität Linz
Altenberger Straße 69, 4040 Linz, Österreich
E-Mail: helmut.hirtenlehner@jku.at

J. Reinecke
Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld
Postfach 100 131, 33501 Bielefeld, Deutschland
E-Mail: jost.reinecke@uni-bielefeld.de

D. Seddig
Psychologisches Institut, Universität Zürich
Binzmühlestraße 14, 8050 Zürich, Schweiz

 

Status und Schönheit. Wird sozio-ökonomischer Status in Partnerschaften gegen physische Attraktivität getauscht?

Reinhard Schunck
KZfSS, 69, 2017: 283–305

Zusammenfassung: Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob sich bei Partnerschaften in Deutschland Belege für einen Austausch von sozio-ökonomischem Status gegen physische Attraktivität finden lassen. Ausgehend von theoretischen Überlegungen werden drei teilweise konkurrierende Hypothesen aufgestellt: Erstens, in Partnerschaften wird sozio-ökonomischer Status gegen physische Attraktivität getauscht und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen. Zweitens, in Partnerschaften zeigen sich geschlechtsspezifische Austauschmuster. Es wird vor allem männlicher sozio-ökonomischer Status gegen weibliche Attraktivität getauscht. Drittens, es findet kein Austausch von sozio-ökonomischem Status und physischer Attraktivität statt. Stattdessen führt Statushomogamie zu einer (Schein-)Korrelation zwischen
dem Status des einen Partners und der physischen Attraktivität des anderen Partners, weil statushohe Personen physisch attraktiver sind. Diese Hypothesen werden mit repräsentativen Daten des ALLBUS (2008, 2010, 2012, N = 6732) und einer direktenMessung physischer Attraktivität geprüft. Die multivariaten Analysen (lineare Regressionsmodelle mit Interviewer-Fixed-Effects) sprechen dafür, dass in statusheterogamen Partnerschaften ein Austausch von Attraktivität gegen Status stattfindet. Je mehr Status der Partner im Vergleich zur befragten Person hat, desto attraktiver ist diese.Wird Bildung als Dimension des sozio-ökonomischen Status betrachtet, zeigen sich geschlechtsspezifische Muster. Bei weiblichen Befragten ist der Zusammenhang zwischen ihrer Attraktivität und der Bildung ihres Partners stärker als bei männlichen Befragten. Wird der International Socio-Economic Index (ISEI) als Dimension des sozio-ökonomischen Status betrachtet, weisen die Ergebnisse für Männer und Frauen gleichermaßen auf einen Austausch von Status gegen Attraktivität hin.

Schlüsselwörter: Partnerschaft · Partnermarkt · Physische Attraktivität · Austauschtheorie · ALLBUS · Fixed Effects · Schönheit

Status and Beauty. Do people exchange physical attractiveness for socio-economic status in partnerships?

Abstract: This paper investigates if status-attractiveness exchanges are taking place in German couples. Building on theoretical considerations three hypotheses are tested: First, both men and women exchange physical attractiveness for socio-economic status in partnerships. Second, the exchange is gender specific, in that women trade physical attractiveness for socio-economic status in men. Third, exchange of status and attractiveness does not happen. Instead, status-homogamy creates a (spurious) correlation between the attractiveness of one partner and the socio-economic status of the other, because attractiveness and status are correlated within persons. Socio-economic status is operationalized through years of education and occupational status (ISEI). The hypothesis are tested using ALLBUS data (2008, 2010, 2012, N = 6732). Results of the multivariate analysis (linear regression models with interviewer fixed effects) suggest that status is indeed exchanged for attractiveness in status-heterogeneous couples. The results suggest that the gender-stereotypical exchange of female attractiveness for male education is more prevalent than vice versa. However, the results also suggest that both men and women trade occupational status for attractiveness in their partners.

Keywords: Partnership · Partner market · Physical attractiveness · Exchange theory · ALLBUS · Fixed effects · Beauty

R. Schunck
GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
Unter Sachsenhausen 6–8, 50667 Köln, Deutschland
E-Mail: reinhard.schunck@gesis.org

 

Berichte und Diskussionen

Affektive Wahrnehmung von politischen Parteien. Ein Vorschlag zur Messung von positiven, negativen und multiplen Parteiidentifikationen.

Jens Ambrasat
KZfSS, 69, 2017: 307–330

Zusammenfassung: In jüngerer Zeit mehren sich die Stimmen, die eine grundsätzliche Überarbeitung des Konzepts der Parteiidentifikation und neue Instrumente zu ihrer Messung vorschlagen. Zum einen wird eine bessere sozialpsychologische Fundierung des Konzepts gefordert. Zum anderen wird eine adäquatere Operationalisierung im Kontext von Mehrparteiensystemen verlangt, die auch negative und multiple Parteiidentifikationen erfassen kann. Der Artikel trägt zu dieser Debatte bei und unterbreitet den Vorschlag, Parteiidentifikationen als Muster affektiver Wahrnehmungen von Parteinamen unter Nutzung des semantischen Differentials zu messen. Der Ansatz greift auf bisher in der Diskussion vernachlässigte soziologische Identitätstheorien zurück, die durch Sprache transportierte affektive Bedeutungen in den Mittelpunkt von Identifikationsprozessen stellen. Mit Daten von 352 Wahlberechtigten aus einer Vorwahlstudie im Jahr 2013 werden Typen mit ähnlichen affektiven Wahrnehmungsmustern clusteranalytisch exploriert. Es wird gezeigt, dass sich verschiedene Wahrnehmungstypen bilden, deren Affektstrukturen sowohl positive als auch negative und multiple Parteiidentifikationen widerspiegeln. Im Sinn einer Konstruktvalidierung wird gezeigt, dass die so gewonnenen Wahrnehmungstypen tatsächlich als Parteiidentifikationstypen verstanden werden können. Durch eine Nachwahlbefragung der gleichen Teilnehmer kann zudem bestätigt werden, dass die über affektive Bedeutungen gemessenen PID-Typen in hohem Maß mit der tatsächlichen Wahlentscheidung assoziiert sind.

Schlüsselwörter: Wahlforschung · Parteiidentifikation · Sozialpsychologie · Affektive Bedeutungen · Identität

Affective perception of political parties. A proposal to measuring positive, negative, and multiple party identifications.

Abstract: There is an ongoing debate about the conceptual underpinnings of party identification. There are voices calling for a better social-psychological foundation of party identification, while at the same time others require a better operationalization in multi-party contexts including negative and multiple party identifications. The study contributes to this debate and suggests to measure party identification as affective meanings of party names using the semantic differential scale. The approach refers to sociological theories of identity that have been neglected in the debate so far. Using data from an pre election survey in 2013 with 352 participants, clusters of subjects with similar patterns of affective meaning making have been explored and are demonstrated how they reflect positive, negative and multiple party identifications as well. The instrument will be validated and interpreted in a way that the affect clusters reveal to be indeed types of party identification. Using a postelection survey of the same participants it is proofed that these PID types are highly associated with the actual electoral choice.

Keywords: Electoral study · Party identification · Social psychology · Affective meanings · Identity

J. Ambrasat
Standort Berlin, Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW)
Schützenstr. 6a, 10117 Berlin, Deutschland
E-Mail: ambrasat@dzhw.eu

 

Literaturbesprechungen

Soziologische Theorie

  • Fischer, Joachim: Exzentrische Positionalität. Studien zu Helmuth Plessner. (Ulrich Bröckling)
  • Burawoy, Michael: Public Sociology. Öffentliche Soziologie gegen Marktfundamentalismus und globale Ungleichheit. (Stefan Selke)

Soziologie der Stimmungen

  • Bude, Heinz: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen.
  • Henning, Christoph: Theorien der Entfremdung.
  • Abels, Heinz, und Alexandra König: Sozialisation. Über die Vermittlung von Gesellschaft
    und Individuum und die Bedingungen von Identität.

Sammelrezension (Ullrich Bauer)

Soziologie der sozialen Ungleichheit

  • Lepsius, M. Rainer: Soziale Schichtung in der industriellen Gesellschaft. (Patrick Sachweh)

Methoden

  • Schupp, Jürgen, und Christof Wolf (Hrsg.): Nonresponse Bias. Qualitätssicherung sozialwissenschaftlicher Umfragen. (Martin Weichbold)

Wirtschaftssoziologie

  • Manske, Alexandra: Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Kreative zwischen wirtschaftlichem Zwang und künstlerischem Drang. (Fabian Hoose)
  • Apitzsch, Birgit, Karen A. Shire, Steffen Heinrich, Hannelore Mottweiler und Markus Tünte: Flexibilität und Beschäftigungswandel. (Christian Hohendanner)

Hochschulsoziologie

  •  Korff, Svea: Lost in Structure. Abbruchgedanken von NachwuchswissenschaftlerInnen in der strukturierten Promotion. (Hannes Weber)

 

Nachrichten und Mitteilungen

Nachruf auf Zygmunt Bauman (19. 11. 1925–09. 01. 2017)

Ihm galt der Tod als eine Quelle von Kultur. Denn diese hat die Aufgabe der Bewältigung des Unvermeidbaren. Nun hat auch Zygmunt Bauman das Unvermeidliche am 09. 01. 2017 im Alter von 91 Jahren ereilt. Am 19. 11. 1925 in Posen geboren, fand er nach vielfältigen Wanderungsbewegungen 1971 in Leeds eine neue Heimat. Dort dachte er in vielfachen Anläufen sowohl über die Praxis der Bewältigung des Unvermeidbaren, als auch über die Herausforderungen der Globalisierung nach. Bauman hat die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen seiner Biografie und seinem Schaffen abgelehnt und sich nur selten zu seiner Lebensgeschichte geäußert. Deshalb ist die Erinnerung an ihn auf die Rekonstruktion seiner Arbeiten verwiesen.
Bauman hat in vielfachen Anläufen zu erfassen versucht, was Tod, Ambivalenz und Postmodernität für das soziale Leben bedeuten. Seine Interessen waren dabei durchgängig auf die Kultur und die Geschichte der Arbeiterbewegung gerichtet. Inspirationsquelle für ihn war beständig ein unorthodox interpretierter Marxismus. Die erste Frage, „Warum ist Kultur überhaupt nötig?“, diese Problemstellung hat Zygmunt Bauman von Anbeginn seines Schaffens verfolgt. Schon früh begann er mit einer systematischen und vergleichenden Untersuchung verschiedener Kulturtheorien, die er aber alle zugunsten einer Praxistheorie der Kultur verwarf. Denn für ihn bestand Kultur in Praktiken der Aneignung und Nutzung kulturell verfügbarer Wissensund Handlungsangebote. Wichtig war ihm der Angebotscharakter kultureller Ordnungen. Sie schreiben dem Nutzer nicht vor, was er oder sie tun soll. Vielmehr stellen sie einen Möglichkeitsraum der individuellen Gestaltung zur Verfügung.
Kurze Zeit später befasste er sich erstmals mit seinem zweiten Interesse am Beispiel der Geschichte der englischen Arbeiterbewegung und ihrer gewerkschaftlichen Vertretung, um in einer für die Zwecke dieser Untersuchung fruchtbar erscheinenden und daher von ihm adaptierten systemtheoretischen Perspektive die Abkopplung der Arbeitereliten von den vertretenen Arbeitern zu konstatieren. Methodisch benutzte Bauman hier, wie auch in vielen anderen Studien, das gesamte Spektrum verfügbarer Forschungsmethoden, wobei seine Vorliebe dem hermeneutischen Verstehen galt, weil es der Aufklärung diente und die Sozialwissenschaften an ihre Rezipienten band. Bereits früh hatte sich in den kulturtheoretischen Schriften angedeutet, dass Bauman die Bearbeitung der Spannung zwischen Chaos und Normierung als Hauptausgabe der Kultur begriff, die er in ihren unterschiedlichen Facetten in Arbeiten über den Tod, der historisch orientierten Untersuchung des Holocaust, der gesellschaftlichen Bedeutung von Ambivalenz und schließlich der Flüchtigkeit gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer Bedeutung für die Lebenspraxis der Individuen zu erfassen suchte.
So hatte für ihn die Kultur des Sterbens ihre gesellschaftliche Bedeutung. Spätestens seit den Arbeiten von Ariès wissen wir um die kulturelle Prägung des Sterbens und des Todes. Damit ist auch das Sterben Ergebnis kultureller Praktiken. Ob einzeln oder ausgesondert in speziellen Einrichtungen, selbst das Sterben hat sich individualisiert, ist zu einem Anliegen gewählter Praktiken des Sterbens geworden. Und dabei verfolgt gerade der oder die Sterbende das imaginäre, unerreichbare Ziel der Unsterblichkeit. Seien es Enkel, Erben oder Festlegungen in Testamenten, ihr Ziel ist nach Bauman die Fortschreibung oder zumindest Erinnerung an das eigene Leben, an die Bedeutung „über den Tod hinaus“, weil andere zu dieser Erinnerung „gezwungen“ werden durch kulturelle Praktiken der Erinnerung. Damit werden Sterben und Tod in die Gesellschaft hineingeholt und Gegenstand einer Praxis des Sterbens als einer normierten Praxis. Baumans Kulturverständnis schloss auch den Holocaust
ein. Denn gerade in der vom ihm aufgezeigten bürokratischen Organisation der Judenvernichtung in den Konzentrationslagern, der NS-Diktatur, kam eine moderne „Kultur bürokratischer Rationalität“ zum Ausdruck und, wie er meinte, zur Vollendung. Die Judenvernichtung war ihm das Ergebnis der Vorherrschaft bürokratischer Regulierung an Stelle von Menschlichkeit und Mitleid. Diese 1989 mit dem Amalfi-Preis ausgezeichnete Arbeit, die den Holocaust als eine wiederholbare Möglichkeit der gewaltsamen Vernichtung des Ausgeschlossenen in der Moderne beschrieb und damit auch die Aufmerksamkeit auf mögliche Wiederholungen richtete, war ihm der Ausgangspunkt, um sich sozialtheoretisch vertieft mit der sozialen Bedeutung der Ambivalenz zu befassen, die etwa in der sozialen Figur des Fremden symbolisiert ist. Mit dieser Bahn brechenden, unkonventionellen Perspektive begann das auch die Soziologie ansprechende Interesse an den sozialtheoretischen Überlegungen Baumans.
In konsequenter Weiterführung seiner Arbeit zur amoralischen Rationalität der Judenvernichtung entwickelte Bauman eine an Emmanuel Lévinas und Martin Buber geschulte Ethik der Alterität, die die Spuren einer an Kant orientierten Vorstellung einer rationalen und regelorientierten Moralität mit ihrer impliziten Gewaltsamkeit endgültig hinter sich ließ und moralische Handlungen als Geschenk an den Anderen begriff. Allerding wusste Bauman, dass sich Geschenke nicht erzwingen lassen. Deshalb waren solche Handlungen ihm auch keine sozialen, sondern vorsoziale Handlungsimpulse, die gerade durch die gesellschaftlichen Zwänge an Kraft verlieren. Nun war ihm der Weg geebnet, angesichts schwindender sozialer und ethischer Ordnungskraft der klassischen Moderne, sich mit der gegenwärtigen Flüchtigkeit sozialer Verhältnisse und ihrer Erzeugung einer gesellschaftlichen Bifurkation in einer Konsumgesellschaft zwischen „Have“ und „Have-Nots“ zuzuwenden und ihre Konsequenzen für die Lebenspraxis zu untersuchen. Das Konzept der Flüchtigkeit sozialer Verhältnisse und ihrer Konsequenzen begleitete seit 2000 seine Fragestellung nach den sozialen Verarbeitungsmustern dieser Flüchtigkeit.
Die letzten Themen seiner veröffentlichten Befassung drehten sich vor allem um aktuelle Problemstellungen in Kultur, Gesellschaft und Politik, sei es Europa, Globalisierung oder die Flüchtlingsproblematik, und ihre individuelle Verarbeitung in jeweils Titel gebenden Veröffentlichungen zu Liebe, Furcht und Angst und der gegenwärtigen Lebenspraxis. Sie alle versuchten zu zeigen, dass die flüchtige Moderne keine Skripts mehr für die individuelle Bearbeitung der genannten Emotionen anbietet. Vielmehr verbleibt ihre Bewältigung nun eine privatisierte Aufgabe, der sich jeder als Einzelner und zuletzt Vereinzelter stellen muss – ohne Hilfsangebote und ohne Ähnlichkeit mit den Lösungen Anderer noch erkennen zu können.
Besonders seine letzte im Deutschen zugängliche Veröffentlichung zur Migration brachte nochmals die auch kritisch intendierte Haltung zur Gegenwart zum Ausdruck. Denn Bauman verband dort die nur scheinbar einander fremde Diskussion um Prekarität, von ihm als „Müll“ kategorisiert, und Migration miteinander und verfolgte die sozialen Konsequenzen der Vorstellung, dass es immer noch jemanden in einer noch schlechteren Lage gäbe. In der Kategorie des „Müll“ tauchte nochmals die von ihm erkannte gesellschaftliche Bifurkation auf, denn Müll entsteht im Zuge des Konsums durch die Müllproduzenten, ins Soziale transferiert erscheinen sodann kulturelle und gesellschaftliche Verhältnisse, die Konsumenten und Nicht-Konsumenten scharf unterscheiden und durch die Praktiken des Konsums und der Repression trennen. Mit dieser Beschreibung fundierte er die Annahme, dass das Soziale in der gegenwärtigen Konsumgesellschaft einer grundlegenden und soziologisch gut beobachtbaren Zweiteilung unterliegt und damit die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung vorgezeichnet sei. Dieser pessimistische Ausblick auf Zukunft von Kultur und Gesellschaft war jedoch immer begleitet von der Hoffnung, dass eine Veränderung der Verhältnisse möglich sei, wenn nur genügend Aktivität dafür entfaltet und Aufklärung angeboten würde. Zu diesen Aktivitäten gehörte bei Zygmunt Bauman insbesondere eine intensive internationale Vortragstätigkeit und die Teilnahme an Tagungen, so etwa an der 2011 ihm und Agnes Heller gewidmeten Tagung in Jena. Und seine gesellschaftstheoretisch und empirisch fundierte Zeitdiagnostik war ihm als Form von Aufklärung ein besonderes, aus der kritischen Intention seiner Sozialtheorie sich ergebendes Anliegen. Seine als Bücher veröffentlichten Schriften wendeten sich immer an eine interessierte Öffentlichkeit und boten dieser seine Diagnose an, und zwar in einer Sprache, die keine Fachsprache und nur den Insidern verständlich war, sondern vielmehr in einer Ausdrucksweise, die auch der Öffentlichkeit als Sprache und in ihren Diagnosen zugänglich war. Besonders die von ihm gewählten Metaphern wie der „Müll“ konnten in ihrer Eingängigkeit nicht übertroffen werden. Sein Adressat war die Öffentlichkeit und sein Ziel Aufklärung über die Gegenwart kultureller Verhältnisse, um zu einer möglichen Veränderung beizutragen.
Die Arbeiten von Zygmunt Bauman haben nicht nur der Soziologie gezeigt, was eine kritisch intendierte Sozialtheorie zu leisten und zu fragen in der Lage ist. Sie benutzten das gesamte Spektrum der methodischen Zugänge zur gesellschaftlichen Realität, um sozialtheoretisch und zugleich empirisch abgesichert diese zur Sprache zu bringen. Die Soziologie wird diesen originellen und eigenständigen Denker vermissen.

Matthias Junge

Mitteilungen

Tagungsbericht: 41. Annual Meeting of the Social Science History Association: Beyond Social Science History: Knowledge in an Interdisciplinary World

Call for Papers

Herbsttagung der Sektion Familiensoziologie der Deutschen Gesellschaft für
Soziologie, Universität zu Köln 16.–17. November 2017

Komplexe Partnerschafts- und Familienstrukturen

Vater und Mutter, die lebenslang miteinander verheiratet sind und gemeinsam zwei leibliche Kinder haben – diese klassische Komposition einer Kernfamilie, vielleicht noch ergänzt um (biologische) Großeltern, ist bis heute ein zentrales Familienleitbild in westlichen Gesellschaften. Die gelebte Wirklichkeit von Paaren und Familien in demographisch fortgeschrittenen Gesellschaften ist jedoch längst deutlich vielfältiger und komplexer geworden. Entsprechend wird die Analyse von teilweise mehrfach gebrochenen Partnerschafts- und Familienverläufen sowie die gemeinsame Betrachtung von biologischen und sozialen Beziehungen in Familien immer wichtiger.
Vor allem die Zunahme von Scheidungs- und Trennungsfamilien hat in den vergangenen Jahrzehnten die Vielfalt und Komplexität von Partnerschaftsbiographien und familialen Arrangements deutlich erhöht. Während Andrew Cherlin (1978) Stieffamilien in erster Linie als „incomplete institutions“ beschrieb, ist inzwischen deutlich geworden, dass hier neben Verlusten auch neue Strukturelemente hinzukommen (können): Stiefeltern, Halb- und Stiefgeschwister sowie Stiefgroßeltern. Zusätzliche Farbe in das Bild moderner Familien bringen darüber hinaus die so genannten „Regenbogenfamilien“ mit homosexuellen Elternteilen, die zwar stark im Zentrum öffentlicher Debatten stehen, empirisch-quantitativ aber bislang wenig untersucht wurden.
Zweifelsohne stellen diese Entwicklungen die einzelnen Familienmitglieder, aber auch die Familie als mehrgenerationales (und oft multilokales) System, vor Herausforderungen. Sie bieten aber gerade in Zeiten tendenziell schrumpfender familialer Netzwerke auch neue Chancen. Diese zu gestalten, ist nicht nur Aufgabe der Familien selbst, sondern ebenso der Gesellschaft, wie etwa die politischen und juristischen Diskussionen über die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder „shared parenting“ zeigen.
Welche Arrangements des Zusammenlebens zwischen Bluts- und Wahlverwandten gibt es? Welche Unterstützungs- und Interaktionsmuster charakterisieren Familienbeziehungen in solchen komplexen Strukturen? Diese und ähnliche Fragen sollen bei der Herbsttagung 2017 der DGS-Sektion „Familiensoziologie“ diskutiert werden.

Ein wichtiges Anliegen ist, über reine Strukturanalysen hinaus zu einem genaueren Bild alltäglicher Praxen des partnerschaftlichen und familialen Zusammenlebens zu gelangen. Wir bitten darum, aussagekräftige Vortragsangebote (max. 1 Seite) bis 15. 07. 2017 an Karsten Hank (hank@wiso.uni-koeln.de) und Michael Wagner (mwagner@wiso.uni-koeln.de) zu schicken.

Ankündigungen

Wissen macht Technik. Frühjahrstagung 2017 der Sektion Wissenschafts- und Technikforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 13.–15. Juli 2017, TU Darmstadt in Darmstadt

Der Zusammenhang von Wissen, Technik und Macht bildet ein zentrales Thema sowohl der jüngeren, vor allem wissenssoziologisch orientierten Wissenschafts- und Technikforschung als auch der Techniksoziologie, etwa in ihren Studien zur Genese technischer Artefakte oder zu Leitbildern der Technik. Beide Forschungsperspektiven hinterfragten schon früh die verbreitete Annahme, dass naturwissenschaftliches (Grundlagen-)Wissen in der technischen Artefaktgestaltung bloß noch seine Anwendung finde. Stattdessen wurden innerhalb der Techniksoziologie, aber insbesondere auch international in den Science and Technology Studies, mit den Ansätzen Social Shaping of Technology, Social Construction of Technology wie auch im weiteren Sinne mit Akteur-Netzwerk-Ansätzen Konzepte entwickelt, die die vielfältigen, interessegeleiteten sozialen Aushandlungs- und Schließungsprozesse im Zuge der Gestaltung technischer Artefakte fokussieren.
Die Tagung adressiert diese und ähnliche Fragen vor dem Hintergrund neuerer sozial-theoretischer Diskussionen wie auch aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen im Verhältnis von Technik und Sozialem, wie sie unter Stichworten wie Technisierung, Digitalisierung und Datafizierung diskutiert werden. Dabei sollen Formen technischen Zugriffs auf Wissen und technischer Wissensgenerierung ins Zentrum der Auseinandersetzung gerückt werden. Damit gilt es danach zu fragen, wie technisches Wissen und technische Rationalitäten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen aufgenommen, genutzt, durchgesetzt und stabilisiert werden (oder eben auch nicht). Angesprochen sind damit technisch gestützte Prozesse und Praktiken der Wissenserzeugung, -verarbeitung und -transformation, wie sie unter dem Begriff der technosciences schon länger für die Naturwissenschaften als essentiell diskutiert werden, jüngst jedoch unter dem Begriff digital humanities auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften als zukunftsweisend imaginiert, aber auch kritisiert werden.

Organisation:
Prof. Dr. Tanja Paulitz, Bianca Prietl, M. A . und Armin Ziegler, M. A . Institut für Soziologie, Arbeitsbereich Kultur- und Wissenssoziologie, TU Darmstadt.

Weitere Informationen unter: http://oegs.ac.at/wp-content/uploads/2017/01/Jan17_PaulitzPrietlZiegler_CfPFr%C3%BChjahrstagungWuT-2017.pdf

Konstruktionen und Gestaltungen des Alterns in ruralen Lebenswelten – Soziale Potentiale, demographische Mythen und technische Möglichkeiten, 21.–23. September 2017, FH Kärnten in Villach.

2. Jahrestagung des IARA (Alternsforschungszentrum der FH-Kärnten), gleichzeitig: Herbsttagung der Sektion „Alter(n) und Gesellschaft“ er Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Tagung der Sektion ländliche Sozialforschung der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS), Tagung der AG Altern und Soziale Arbeit der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (ogsa) Tagung der „Strategischen Initiative Alternde Gesellschaft“ (SI-AGE ) der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Tagung der deutschsprachigen Sektion der International Society of Gerontechnology (ISG).
Fachpublikationen, Feuilleton und Lokalpolitik schwanken bei der Beurteilung der Zukunft ländlicher Räume zwischen Zweckoptimismus und Alarmismus, zwischen Defizitängsten und Aktivierungshoffnungen. Altern wird dabei in der Regel demographisiert und zum Drohpotenzial, betroffene Gemeinden werden damit zusätzlich der Peripherisierung ausgesetzt. Einschnitte in soziale Sicherungssysteme und lokale Versorgungsstrukturen werden fast immer mit dem demographischen Wandel in Beziehung gesetzt. Die Drohung des „Schrumpfens“ legitimiert Kürzungen, die wiederum negative Auswirkungen für die Lebenswirklichkeit und Generationenverhältnisse bis in die kleinste Siedlung haben, was schließlich weitere Einsparungen nahe legt und Abwanderung fördert. Ob und wie sich ein solcher circulus vitiosus auflösen ließe, müsste zunächst wissenssoziologisch geklärt werden. Eine Anregung dazu bot Norbert Elias (in Engagement und Distanzierung) mit seinem Ansatz sich selbst verstärkender Doppelbinderprozesse. Stünden auch aktuellere soziologische Erklärungen bereit, die für das Altern in solchen Regionen relevant sind? Erweisen sich die bekannten Attribute des (erfolgreichen, aktiven, glücklichen, gesunden) Alterns aus soziologischer Perspektive hierfür unpassend? Wodurch könnten sie abgelöst werden, welche Alternativen bieten sich an? Welche praktischen Implikationen hätte dies für die Soziale Arbeit mit Älteren im ländlichen Raum? Und welche Rolle spielen hier neue Technologien- werden Sie bestehende Ungleichheiten zwischen Stadt und Land verschärfen oder können technische Innovationen vielleicht gerade im ländlichen Raum neue Handlungsspielräume erschließen?

Weitere Informationen unter: http://www.iara.ac.at/files/2017/02/CfP-Altern2017-K%C3%A4rnten2.pdf

Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (SGS) 2017, „Gemeinwohl und Eigeninteresse“, 21.–23. Juni 2017, Soziologisches Institut der Universität Zürich in Zürich

Ziel des Workshops „Migration vor dem Hintergrund von Eigeninteresse und Gemeinwohl“ ist es, Forscherinnen und Forscher zusammenzubringen, die sich mit den Ursachen und Folgen von Migration im Spannungsfeld von (individuellem) Eigeninteresse und (gesellschaftlichem) Gemeinwohl befassen. Denn Migrations- und Flüchtlingsbewegungen sind nicht nur historisch bedingt als globales Phänomen von soziologischem Interesse, sondern aktuell von besonderer gesellschaftspolitischer Relevanz. In den letzten Jahren sind die Flüchtlingsströme massiv angewachsen. Nach Schätzungen der UN suchten allein 2015 mehr als 1 Million Menschen Zuflucht in Europa. Dadurch werden Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit vor teilweise beachtliche Herausforderungen gestellt. Gleichzeitig gibt es aber auch Bestrebungen in zahlreichen westlichen Ländern, gezielt hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten für die nationalen Arbeitsmärkte anzuwerben, um das (nationale) Eigeninteresse wie auch das gesellschaftliche Gemeinwohl zu fördern. Neben rein existentiellen Gründen für Migration und Flucht, wie Krieg und Bedrohung, spielen ebenfalls wirtschaftliche Not, religiöse und politische Verfolgung sowie individuelle Motive wie auch soziale und familiale Gründe eine Rolle.
Um diese Vielfalt genauer abzubilden, sollen im Rahmen des Workshops migrations- spezifische Fragestellungen in den Blick genommen werden, die sich der Thematik vor dem Hintergrund von Eigeninteresse und Gemeinwohl annähern. Mögliche Themenfelder für Vorträge können dabei sein:

  • Ursachen und Gründe für Migrationsentscheidungen
  • Gesellschaftliche Folgen und Wirkungen durch Migration
  • Gesellschaftliche Partizipation und Integration von Migrantinnen und Migranten
  • Akzeptanz, Angst und Vorurteile vor bzw. gegenüber Migration in der Aufnahmegesellschaft
  • Individuelle, familiale und gesellschaftliche Unterstützung von Migrantinnen und
    Migranten

Organisation: Bettina Isengard (isengard@soziologie.uzh.ch) & Ronny König (koenig@soziologie.uzh.ch)
Weitere Informationen unter: https://www.sgs-sss.ch/wp-content/uploads/2017/02/Call_SGS_2017_Workshop_Gemeinwohl_und_Gemeinsinn_Kernich_Vorheyer-2.pdf