Heft 3, Jg. 69, 2017

Abhandlungen

Die Schere öffnet sich
Neuer Einkommensreichtum im wiedervereinigten Deutschland

Andreas Haupt · Gerd Nollmann
KZfSS, 69, 2017: 376-408

Zusammenfassung: In den letzten Jahrzehnten weisen einige moderne Länder spektakuläre Anstiege des Einkommensreichtums auf. Deutschland gilt eher als Ausnahme von dieser starken Umkehr des Nivellierungstrends der Nachkriegszeit, wobei die jüngere Forschung auch hier eine deutlich steigende Zahl von einkommensreichen Haushalten sieht. Vor dem Hintergrund einer in Deutschland wenig ausgebauten Datenlage zu hohen Einkommen sind gleichwohl die Ursachen von mehr Einkommensreichtum wenig bekannt. Der Aufsatz diskutiert zunächst vorliegende Forschungsergebnisse und mögliche Ursachen für mehr Einkommensreichtum. Auf der Basis einer Dekomposition unbedingter Quantilregressionen mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) lautet das überraschende Hauptergebnis, dass als mit Abstand wichtigster Treiber von Reichtum zwischen 1993 und 2015 asymmetrisch
über die obere Hälfte der Einkommensverteilung verlaufende Änderungen bei Einkommenssteuern und Sozialabgaben erscheinen, welche mittlere Einkommen belastet und hohe Einkommen relativ geschont haben. Diese verstärken Polarisierungstendenzen, die vom Arbeitsmarkt ausgehen.

Schlüsselwörter: Einkommensungleichheit · Reichtum · Steuern- und
Sozialabgaben · Dekomposition

The Gap is Growing
New Income Richness in Germany

Abstract: Recent decades have witnessed some extraordinary increases of income richness in some countries. Even though many consider Germany to be different, recent research has found a strong increase of rich income households in Germany, as well. However, Germany’s data infrastructure on rich households is comparatively weak so that little is known on the causes of higher richness headcounts. This article discusses research and possible causes of the recent increase of household richness using a decomposition of unconditional quantile regressions and data from the German Socio-economic Panel (GSOEP). Comparing most recent data and the early 1990s after reunification, the most striking result is that the upper half of the German income distribution was polarized most by taxes and social security contributions which reinforce labor market related developments.

Keywords: Income inequality · Richness · Taxation · Decomposition

A. Haupt
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Institut für Soziologie, Medien- und Kulturwissenschaften, Kollegiengebäude am
Ehrenhof, 76131 Karlsruhe, Deutschland
E-Mail: andreas.haupt@kit.edu

G. Nollmann
E-Mail: gerd.nollmann@kit.edu

Wer profitiert von alternativen Bildungswegen? Alles eine Frage des Blickwinkels!
Eine systematische Rekonstruktion des Effektes sozialer Herkunft für alternative Wege zur Hochschulreife

Sandra Buchholz · Magdalena Pratter
KZfSS, 69, 2017: 409–435

Zusammenfassung: Vergleichsweise wenige Studien haben sich bisher mit der Untersuchung alternativer Bildungswege befasst. Das Ziel der Einführung alternativer Bildungswege war es, soziale Ungleichheiten zu reduzieren. Ob dieses Ziel auch erreicht wurde, ist jedoch eher unklar. Schindler wies kürzlich in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie darauf hin, dass diese Unklarheit auch damit zu erklären ist, dass die wenigen vorliegenden Forschungsarbeiten ein sehr unterschiedliches Verständnis davon haben, wie soziale Herkunftseffekte analysiert werden. In unserem Beitrag greifen wir dieses Argument auf und erweitern es kritisch. Unsere empirischen Analysen zeigen, dass eine angemessene Beurteilung alternativer Bildungswege erst durch eine systematische und möglichst ganzheitliche Rekonstruktion sozialer Herkunftseffekte möglich ist. Darüber hinaus schlagen wir vor, für die Beantwortung der Frage, ob und wie alternative Bildungswege Ungleichheitsstrukturen im Bildungserwerb beeinflussen, Average Marginal Effects und nicht das üblicherweise von der Bildungsforschung verwendete Ungleichheitsmaß Odds Ratios zu nutzen.

Schlüsselwörter: Alternative Bildungswege · Soziale Herkunftseffekte ·
Bildungsungleichheit · Hochschulreife

Who Profits from Alternative Paths to Higher Education? It’s All a Matter of the Perspective.
A differentiated reconstruction of social origin effects in alternative paths to higher
education entrance qualifications

Abstract: Only a few studies have addressed the role of alternative paths in German secondary education. These paths were introduced to reduce social inequalities. However, there is much controversy regarding whether alternative paths actually do reduce inequalities. Schindler most recently discussed in the Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie that this controversy is due in part to different understandings of how empirical studies assess the effect of social origin. This article adopts and critically extends this point by arguing that, from a social inequality point of view, alternative paths can only be understood adequately if research reconstructs the effect of social origin systematically and as holistically as possible. Additionally, we raise the question whether the measure that is traditionally used by educational research to assess social inequalities (Odds Ratios) is really the most adequate one to understand how alternative paths impact on inequalities in educational attainment. Instead we suggest the estimation of Average Marginal Effects.

Keywords:  Alternative paths of secondary education · Social origin effects ·
Educational inequalities · Higher education entrance qualifications

S. Buchholz
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Universität Bamberg
Wilhelmsplatz 3, 96047 Bamberg, Deutschland
E-Mail: sandra.buchholz@lifbi.de

M. Pratter
E-Mail: magdalena.pratter@uni-bamberg.de

Wie beeinflussen Geschlecht und Bildungsherkunft den Übergang in individuelle und strukturierte Promotionsformen?

Susanne de Vogel
KZfSS, 69, 2017: 437–471

Zusammenfassung: Durch die Ausweitung strukturierter Promotionsformen in Deutschland erhofft man sich auf hochschulpolitischer Seite einen Rückgang der sozialen Selektivität beim Zugang zur Promotion. Daran anknüpfend wird im vorliegenden Beitrag überprüft, ob sich die Geschlechter- und Herkunftsungleichheiten beim Zugang zu individuellen und strukturierten Promotionen unterscheiden und welche Mechanismen in den verschiedenen Promotionsformen zu ihrer Entstehung führen. Unter Verwendung von Daten des DZHW Absolventenpanels belegen die Analysen, dass die Bildungsherkunft beim Übergang in strukturierte Promotionen und Stipendienprogramme von geringerer Bedeutung ist als bei der Aufnahme einer Individualpromotion, die im Rahmen einer Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder in freier Form angefertigt wird. Das Geschlecht beeinflusst ausschließlich die Aufnahme einer Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Mediatoranalysen zeigen, dass dieser Geschlechtereffekt mehrheitlich auf geschlechtsspezifische Studienfachentscheidungen, aber auch auf studentische Hilfskrafttätigkeiten und bestehende Elternschaften zurückgeht. Für die Erklärung der Herkunftsdifferenzen sind zudem die Schul- und Studienleistungen maßgeblich. Inwieweit diese Faktoren zur Entstehung ungleicher Zugangschancen führen, divergiert zwischen den Promotionsformen jedoch deutlich.

Schlüsselwörter: Promotion · Bildungsübergänge · Soziale Ungleichheit ·
Bildungsherkunft · Geschlecht

How do Gender and Educational Background Influence the Transition to Individual and Structured Doctorates?

Abstract: The recent expansion of structured doctoral programs in Germany aims on reducing social selectivity in access to doctoral studies. Therefore, this article firstly explores if gender and educational background differences differ on the transition to individual and structured doctorates. Secondly, it examines the underlying mechanisms that may account for these differences. Analyses are based on data from the DZHW graduate panel studies. Findings confirm that the effects of educational background on entering a structured doctoral program or grant program are lower than those found on transition to individual doctorates, where doctorates are pursued within a research assistant position or as an external doctoral candidate. Gender only influences the transition into a PhD within a research assistant position. Mediator analyses show that this gender difference can largely be explained by subject choices, student assistant jobs and parenthood. For educational background differences, performance differences also explain a big part of the effects. To what extend these mechanisms contribute to unequal entry chances, however, varies between different formal PhD contexts.

Keywords: Doctorate · Educational transitions · Social inequality · Educational
background · Gender

S. de Vogel
Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung GmbH
Lange Laube 12, 30159 Hannover, Deutschland
E-Mail: devogel@dzhw.eu

 

Bonuszahlungen an Geschäftsführungen: Wodurch werden Gerechtigkeitsurteile von Erwerbstätigen beeinflusst?

Olaf Struck · Matthias Dütsch · Gesine Stephan
KZfSS, 69, 2017: 473–501

Zusammenfassung: Die Einkünfte geschäftsführender Manager großer Unternehmen und insbesondere Bonuszahlungen stehen immer wieder in der Kritik. Empirischen Befunden zufolge erachten fast drei Viertel der deutschen Bevölkerung Managereinkommen als ungerecht hoch. Auf der Basis eigener Befragungsdaten wird untersucht, welche Kriterien in Gerechtigkeitsurteile zu Bonuszahlungen einfließen. Warum werden Bonuszahlungen im eigenen Unternehmen als (un)gerecht empfunden? Unter welchen Bedingungen steigt ihre Akzeptanz? Die Befunde zeigen, dass mit der von den Befragten geschätzten Höhe der Bonuszahlungen die kritische Sicht zunimmt. Das Ungerechtigkeitsempfinden gegenüber Bonuszahlungen im eigenen Unternehmen kann allerdings durch die Beachtung von Aspekten der Verfahrensgerechtigkeit und der Beitragsgerechtigkeit sehr deutlich gemindert werden.

Schlüsselwörter: Bonuszahlungen · Managereinkommen · Gerechtigkeitsurteile

Bonus Payments to Managerial Boards:What Affects Employees’ Fairness Perceptions?

Abstract: Managerial compensation in large companies is subject to many critical concerns; this holds particularly for bonus payments. Empirical evidence shows that nearly three quarter of the German population perceive managers’ incomes as unfairly high. Based on an own survey, we examine what drives fairness perceptions of bonus payments for managers: When do employees assess bonus payments for managers within their own company as unfairly high? Under which conditions do they accept high bonus payments? The analyses show that acceptance decreases with the estimated amount of bonus paid. It increases, however, if aspects of procedural and distributive justice are taken into account.

Keywords: Bonus payments · Managerial compensation · Fairness perceptions

O. Struck
Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Feldkirchenstraße 21, 96045 Bamberg, Deutschland
E-Mail: olaf.struck@uni-bamberg.de

M. Dütsch
E-Mail: matthias.duetsch@uni-bamberg.de

G. Stephan
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit
Regensburger Straße 100, 90478 Nürnberg, Deutschland
E-Mail: gesine.stephan@iab.de

 

Literaturbesprechungen

Politische Soziologie

  • Clemens, Elisabeth S.: What is Political Sociology? (Thomas Laux)

Wahlsoziologie

  • Smith, B. Robert: Social Structure and Voting in the United States. (Martin Althoff)

Zeitdiagnosen

  • Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst.
  • Nachtwey, Oliver: Die Abstiegsgesellschaft.
  • Lessenich, Stephan: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und
    ihr Preis.

Sammelrezension (Falk B. Eckert · Florian R. Hertel · Philipp Ramos Lobato)

Soziologie des Ehrenamtes

  • Hollstein, Bettina: Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse. (Peter Graeff)

Soziologie der Lebensführung

  • Alleweldt, Erika, Anja Röcke und Jochen Steinbicker (Hrsg.): Lebensführung heute. Klasse, Bildung, Individualität. (Karolin Eva Kappler)

Vergleichende Demografie-Forschung

  •  Sackmann, Reinhold,Walter Bartl, Bernadette Jonda, Katarzyna Kopycka und Christian Rademacher: Coping with Demographic Change: A Comparative View on Education and Local Government in Germany and Poland. (Sebastian M. Büttner)

Soziologie der Armut

  • Brettschneider, Antonio, und Ute Klammer (Hrsg.): Lebenswege in die Altersarmut. Biografische Analysen und sozialpolitische Perspektiven. (Claudia Vogel)

Forschungsförderung

  • Trommsdorff, Gisela, und Wolfgang R. Assmann (Hrsg.): Forschung fördern. Am Beispiel von Lebensqualität im Kulturkontext. (Annette Spellerberg)

Transdisziplinarität

  • Defila, Rico, und Antonietta Di Giulio (Hrsg.): Transdisziplinär forschen – zwischen Ideal und gelebter Praxis. Hotspots, Geschichten, Wirkungen. (Birgit Blättel-Mink)

Sozialisation

  • Hurrelmann, Klaus, Ullrich Bauer, Matthias Grundmann und Sabine Walper (Hrsg.): Handbuch Sozialisationsforschung. (Stephan Drucks)

 

Nachrichten und Mitteilungen

Nachruf auf Peter Ludwig Berger (17.03.1929-27.06.2017)

Am 27. Juni 2017 verstarb Peter L. Berger im Alter von 88 Jahren nach kurzer Krankheit in Brookline, Massachusetts. Er war emeritierter Professor für Soziologie und Theologie der Boston University und Gründungsdirektor des dort ansässigen Institute on Culture, Religion and World Affairs (CURA), das er bis zu seinem 80. Geburtstag geleitet hatte. Mit Berger verliert die Soziologie nicht nur einen ihrer weltweit bekanntesten Religionssoziologen und Theoretiker der Moderne, sondern auch einen scharfen Beobachter sozioökonomischen Wandels und engagierten öffentlichen Intellektuellen.

Geboren wurde Peter L. Berger am 17. März 1929 in Wien in ein assimiliertes jüdisches Elternhaus. Der Vater war Inhaber eines Herrenmodengeschäfts in der Wiener Innenstadt, der mütterliche Teil der Familie hatte sich in Triest niedergelassen. Jedes Jahr verbrachten Mutter und Sohn die Sommermonate in Italien, wo Berger fließend Italienisch lernte. Die recht sorgenfreie Kindheit endete abrupt im März 1938, als Österreich dem Dritten Reich einverleibt wurde und sich die Familie über Italien in das damals britisch verwaltete Palästina rettete. Dort blieben die Bergers bis zum Herbst 1946, bevor sie über Paris in die USA emigrierten. Die Schulzeit Bergers in Palästina war von einer intensiven religiösen Identitätssuche geprägt. Aus eher taktischen denn religiösen Gründen hatte sich die Familie kurz vor ihrer erzwungenen Ausreise aus Wien anglikanisch taufen lassen. In Haifa fand man sich zwar inmitten einer bunten Schar europäischer Flüchtlinge wieder, als wienerisch-italienische Familie mit jüdischen Wurzeln, die sich weder als „Juden“ noch als „Hebräische Christen“ fühlte, blieb man allerdings randständig. In einer Schweizer Missionsschule auf dem Karmel begegnete Berger dem pietistischen Protestantismus. Das geweckte Interesse an religiösen Fragen und Sinnsystemen setzte sich im Austausch mit Fritz Neumann, einem promovierten Philosophen, der als protestantischer Missionar nach Palästina gekommen war, über das Selbststudium theologischer und philosophischer Schriften fort. Als die Bergers 1946 Haifa verließen, stand für den jungen Peter Berger fest, dass er in den USA lutherischer Pastor werden wollte.

Gleich nach seiner Ankunft in New York nahm er Kontakt zur United Lutheran Church in America auf, ließ sich lutherisch konfirmieren und erhielt ein Stipendium am Wagner Memorial Lutheran College auf Staten Island, wo er 1949 den Abschluss zum Bachelor of Arts in Philosophie machte. Um mehr über die amerikanische Gesellschaft zu erfahren (in der sich Berger vom Tag seiner Ankunft in New York zuhause fühlte), beschloss er, sein geplantes Theologiestudium zugunsten einer soziologischen Ausbildung zu verschieben. Da er tagsüber arbeiten musste, schrieb er sich an der Graduate Faculty der New School for Social Resarch ein, wo die Kurse alle zwischen vier Uhr nachmittags und zehn Uhr abends stattfanden. Ursprünglich als Einrichtung für Erwachsenenbildung gegründet, beherbergte die New School seit 1933 die „University in Exile“, an der viele aus Europa emigrierte Geistes- und Sozialwissenschaftler lehren konnten. Berger war derart fasziniert von der dortigen Lehre, dass er das nach seinem MA an der New School begonnene Theologiestudium am Lutheran Theological Seminary in Philadelphia abbrach, um sich endgültig für die Soziologie zu entscheiden. Neben Albert Salomon, dem Berger ein Verständnis für den ideengeschichtlichen Ort der Soziologie und einen Überblick über die französische Denktradition verdankt, waren der Religionssoziologe und Max Weber-Experte Carl Mayer und der Phänomenologe Alfred Schütz die wichtigsten Lehrer an der New School. Mayer betreute sowohl Bergers Master’s Thesis (1950), eine, an die Methodologie der Chicago School angelehnte ethnographische Untersuchung puerto-ricanischer Pfingstkirchen in East Harlem, als auch die Doktorarbeit (1954), in der sich Berger in einer historischen Rekonstruktion mit der „Veralltäglichung des Charisma“ in der Religion der Baha’i auseinandersetzte. Wie wichtig Alfred Schütz und dessen Vorschlag für eine Verbindung von Phänomenologie und Soziologie für Berger noch werden sollte, zeigte sich erst in den 1960er Jahren, als er gemeinsam mit Thomas Luckmann, den er als Kommilitone in einem Seminar des Philosophen Karl Löwith an der New School kennengelernt hatte, an einer Neubegründung der Wissenssoziologie arbeitete.

Die Zeit zwischen Promotion und der Aufnahme der ersten Assistenzprofessur am Women’s College der University of North Carolina 1956 war vom Militärdienst (als „social worker“ in einer psychiatrischen Klinik des Militärs in Georgia) und von empirischen Forschungserfahrungen geprägt: Im Rahmen eines religionssoziologischen Projektes von Carl Mayer leitete Berger 1955/56 eine Studie über Kirchlichkeit im Nachkriegsdeutschland, die ihn an die Evangelischen Akademie in Bad Boll führte. Seine Anstellung als Studienleiter bleibt keineswegs die einzige Verbindung mit Deutschland. Denn in Stuttgart lernte er Brigitte Kellner kennen, die – unabhängig von Berger – kurze Zeit später an die New School wechselte, wo sie mit einer Arbeit über Vilfredo Pareto in Soziologie promovierte. In Amerika trafen sich die beiden wieder und heirateten 1959. Berger hatte 1958 eine Professur für Sozialethik am Hartford Theological Seminary in Connecticut angenommen. In Hartford werden kurz aufeinander folgend die beiden Söhne Thomas und Michael geboren.

Mit der Berufung an das Sociology Department der New School 1963 beginnt Bergers wohl produktivste Schaffensphase. In einem Schütz-Diskussionskreis arbeitete er nicht nur mit Brigitte (deren Schwerpunkt die Familien- und Jugendsoziologie werden sollte), sondern auch mit seinem Schwager Hansfried Kellner, mit Stanley Pullberg, Benita und Thomas Luckmann sowie Maurice Natanson zusammen. Seine Veröffentlichungen zeugen von einer großen Kooperationsfähigkeit. Die Zusammenarbeit mit Thomas Luckmann führte denn auch zu seiner vermutlich bekanntesten Schrift, The Social Construction of Reality (1966, dtsch.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 1969). Schon im Jahr darauf folgte Bergers Monographie The Sacred Canopy, ein Buch, das ein religionssoziologischer Klassiker werden sollte, sowie 1969 der theologisch orientierte Bestseller A Rumor of Angels über Möglichkeiten der Erfahrung von Transzendenz in der Alltagswelt der Moderne. Nach einem Richtungsstreit über die Zukunft des Sociology Departments der New School wechselte Berger 1971 an die Rutgers University in New Jersey, 1979 ans Boston College und 1981 schließlich an die Boston University, an der er bis wenige Jahre vor seinem Tod lehren und forschen sollte.

Bergers wissenschaftliche Laufbahn war immer mit politischen Aktivitäten verbunden. Über die Auseinandersetzung mit dem dezidierten Modernekritiker Ivan Illich, der eine von Berger mehrfach besuchte Denkfabrik im mexikanischen Cuernavaca leitete, beginnt sich Berger intensiv mit entwicklungspolitischen Fragen und den Auswirkungen von Modernisierung auf Bewusstsein und Alltagskultur zu beschäftigen. Sichtbarstes Ergebnis dessen ist die im Kern wissenssoziologisch argumentierende Studie The Homeless Mind (1973), die er mit Brigitte und deren Bruder, dem ebenso jüngst verstorbenen, großen Frankfurter Soziologen Hansfried Kellner, verfasste. Hier skizzierten sie die Grundzüge des „modernen Bewusstseins“ und seiner (in Anlehnung an die von ihm hoch geschätzten Arbeiten Webers) „Wahlverwandtschaft“ zur sozialstrukturellen Modernisierung. Wie er noch in seinem zweiten mit Luckmann veröffentlichten Buch Modernity, Pluralism and the Crisis of Meaning (1995) betont, führt die Modernisierung zur Ausbildung „intermediärer Institutionen“, die die wachsende Spannung von Sozialstruktur und Individuum ausgleichen.

Die in den Folgejahren vertiefte Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Fragen festigte Bergers Kritik an Marxismus und Sozialismus und seine vehemente Befürwortung marktwirtschaftlich-demokratischer Gesellschaftsmodelle. Seine soziologische Position kann als neo-weberianisch bezeichnet werden: Im Zentrum des Interesses – auch am 1985 an der Boston University gegründeten Institute for the Study of Economic Culture (ISEC), dem späteren CURA – stand das Zusammenspiel von (religiösen) Werten, Überzeugungen und kulturellen Traditionen mit wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. Seine politische Haltung war seit den 1960er Jahren eine dezidiert konservative, die sich nicht nur in seinen akademischen Schriften, sondern auch in politischen Beraterfunktionen (u.a. für das State Department unter der Reagan Administration) und in journalistisch-publizistischen Tätigkeiten als Mitherausgeber der konservativen Monatszeitschrift Worldview und in Beiträgen zum Magazin Commentary, dem Organ der „Neocons“, äußerte. Es gehörte zu den Grundüberzeugungen seines „intellektuellen Unternehmertums“, die meist in Studien des Bostoner Instituts untersuchten Entwicklungen mit der eigener Anschauung zu verbinden. Deswegen führten ihn seine vielfältigen Engagements von Mittel- und Lateinamerika über Afrika bis nach Ost-Asien.

Neben diesen breiten, global orientierten gesellschaftstheoretischen Analysen besticht Peter Berger sicherlich als Autor der Social Construction of Reality, die er zusammen mit dem im letzten Jahr gestorbenen Thomas Luckmann verfasst hat. Dieses Buch ist nicht nur zu einem „Klassiker der Wissenssoziologie“ geworden. Es handelt sich um eine theoretische Integration unterschiedlichster Ansätze in einem dialektischen Zusammenhang, den Berger und Luckmann im „sozialkonstruktivistischen Dreisatz“ formulieren: „Gesellschaft ist ein menschliches Produkt, Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt“ (1969: 65). Wir können die höchst originelle Weise hier nicht erläutern, in der dieser Dreisatz ausgearbeitet wird. Mithilfe der Schützchen Phänomenologie mit der Philosophischen Anthropologie, der deutschen Wissenssoziologie, dem Symbolischen Interaktionismus und (wenn auch eher negativ) dem Strukturfunktionalismus gelingt ihnen darin eine Verbindung von Webers verstehender und Durkheims objektivistischer Soziologie. Trotz dieser theoretischen Glanzleistung bleibt das Buch erstaunlich verständlich und trug vermutlich auch deswegen zur Begründung eines neuen sozialtheoretischen Paradigmas bei, das die den von beiden Autoren wenig geliebte Bezeichnung „Sozialkonstruktivismus“ erhalten sollte. Die breite Rezeption dieses Buches, seine zuweilen ideologische Aufnahme und die, seiner pauschalen Zuordnung zum „Konstruktvismus“ nachhallende irreführende Interpretation haben Berger wie Luckmann häufiger zu Distanzierungen veranlasst, die jedoch der Wirkungsgeschichte des Buches nicht schadeten – es ist nach wie vor eines der meistgelesenen Monographien soziologischer Theorie weltweit.

Zu Bergers zentralen soziologischen Konzepten gehört das der „Plausibilitätsstruktur“, das sich – beginnend mit Social Construction – durch sein komplettes Werk zieht. Es dient ihm als Brückenkonzept, das zwischen subjektiver und objektiver Wirklichkeit, zwischen Bewusstsein und Sozialem und letztlich auch zwischen Mirko und Makro vermittelt. Gemeint sind damit die sozialen Beziehungen zu signifikanten Anderen, in denen ein Mensch sein Welt- und Selbstbild entwickelt und aufrechterhält. Im kommunikativen Austausch, so Berger, entsteht eine Vorstellung von der je eigenen sozialen Position und von den Sinnzusammenhängen einer Gesellschaft. Plausibilitätsstrukturen – und dafür hat sich Berger empirisch interessiert – können kognitive Sicherheit oder Zweifel über den Zustand der Welt begründen.

Trotz der Breite seines Schaffens, das von seiner grandiosen, noch von den heutigen Studierenden mit Freude zu lesenden Invitation to Sociology (1963) über die familiensoziologische Koproduktion mit seiner Frau Brigitte Berger The War over the Family (1983), zwei Romane (The Enclaves, 1964 und Protocol of a Damnation, 1975), zwei autobiographische Bücher (Im Morgenlicht der Erinnerung, 2008 und Adventures of an Accidental Sociologist, 2011) und dem für Berger sehr bezeichnenden Buch über Humor (Redeeming Laughter, 1997) reicht, ist er gerade in Deutschland vor allem als Religionssoziologe wahrgenommen worden. Schon mit seinen frühen Schriften kann er als Begründer eines (nicht vereinseitigten) Marktmodells der Religion betrachtet werden. Er ist auch einer der Hauptvertreter der Pluralisierung der Religion, die ihn, im Unterschied zu Luckmann, zu einem der wichtigsten Verfechter der Säkularisierungstheorie machten. Es ist sicherlich ein Ausdruck seiner wissenschaftlichen Redlichkeit, dass er diese Theorie im Laufe der 1990er Jahre dramatisch widerruft (The Desecularization of the World, 1999). Diese Umorientierung stützt er durch zahlreiche empirische Untersuchungen und untermauert sie wissenssoziologisch in seinem letzten Buch. In The Many Altars of Modernity (2014) argumentiert er, dass Modernisierung nicht notwendigerweise einen Säkularisierungsprozess in Gang setzt, sondern vielmehr zu einem „doppelten Pluralismus“ führt, das heißt zu einer Koexistenz unterschiedlichster religiöser Orientierungen und zu einem Nebeneinander religiöser und nicht-religiöser Wissensbestände in einer Gesellschaft. Ob es zu Konflikten oder institutionellen Arrangements kommt, die ein friedliches Nebeneinander unterschiedlichster Weltsichten garantieren („formulas of peace“), ist letztlich eine empirische Frage. Als moralisch argumentierender Intellektueller interessiert sich Berger auch für die Bedingungen der Möglichkeit friedlicher Koexistenzen. Wie seine ursprüngliche Zuwendung zur Religionssoziologie hat auch diese Wendung für Berger immer ihre theologischen Seiten. Im Zentrum steht für ihn die Frage, wie ein Mensch in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft ein Gläubiger sein kann. Während er in seinen frühen Schriften davon ausgeht, dass Gläubige mit zunehmender Säkularisierung zur „kognitiven Minderheit“ werden und die Theologie damit vor dem Problem steht, die Erfahrung des Übernatürlichen wach zu halten, zieht er in seinen späten Werken den Schluss, dass ein Mehr an modernisierungsbedingtem Zweifel keinesfalls das Ende des Glaubens bedeuten muss, sondern vielmehr eine moderne Form des Glaubens evoziert, eines Glaubens, der nicht mehr selbstevident gegeben ist, sondern für (oder gegen) den man sich entscheiden muss. Für Berger bildet die persönliche Entscheidung für den Glauben den Kern seines liberalen Protestantismus.

Doch so sehr Berger zuweilen theologisch argumentierte, so deutlich unterschied er zwischen dem, wie er es nannte, „methodologischen Atheismus“ der Religionssoziologie auf der einen, und seinen Anliegen als Theologe und religiöser Mensch auf der anderen Seite. Wie er den soziologischen Klassiker The Sacred Canopy vom theologisch A Rumor of Angels unterscheidet, wie er im Komischen zugleich Erkenntnisgewinn und Erlösung findet, folgt auf das religionssoziologische Religious America, Secular Europe (2008, mit Grace Davie und Effie Fokas) das religiös motivierte In Praise of Doubt (2009, mit Anton Zijderfeld). Michaela Pfadenhauer drückt diese Verbindung und Unterscheidung in ihrer jüngst auch in englischer Sprache verfassten Biographie über Peter Berger (2010: 55) so aus: „Berger befasst sich als Soziologe mit Religion, als (Laien-)-Theologe mit gegenwärtigen Problemen der Kirchen und als religiöser Christ mit der Frage, wie Glaube für einen modernen Menschen überhaupt noch möglich ist“. So sehr Berger diese Bereiche aufteilte und separierte, so verband er sie doch in seinem Leben auf eine einzigartig lebendige, geistreiche und vor allem humorvolle Weise.

Peter L. Berger ist ein großer Soziologie, dem es gelang, die Welt des Sozialen auf eine faszinierende Weise zu beschreiben und zu erklären. Er hinterlässt ein bedeutendes Werk, nicht nur in der Religionssoziologie, sondern auch in der Theorie der modernen Gesellschaft und in der Sozialtheorie. Was er uns aber auch hinterlässt, ist die Aufforderung, neugierig und beweglich im Denken zu bleiben und den Blick für die Kuriositäten und Absurditäten, die das Theater des Sozialen zu bieten hat, niemals zu verlieren – schon gar nicht aus ideologischen Gründen. Wir verlieren mit ihm nicht nur einen Denker, der engagiert in die soziale Welt wirkte, sie scharfsinnig analysierte und betonte, dass in ihr eine Dimension mitklingt, die sich auch der Wissenschaft entzieht. In Anlehnung an Pascal kann man von Berger als einem Soziologen des Herzens sprechen, dessen Engagement und bestechend klares Denken immer mit dem verschmitzten Lächeln verbunden war, das uns so fehlen wird. Wer weiß, vielleicht war es (um den deutschen Titel seines großen Humorbuches aufzunehmen) ein erlösendes Lächeln.

Hubert Knoblauch und Silke Steets

 

Mitteilungen

Preis der Fritz Thyssen Stiftung für sozialwissenschaftliche Aufsätze (Begründet durch Prof. Dr. Dr. h.c. Erwin K. Scheuch †) Zeitschriftenjahrgang 2016

Zum sechsunddreißigsten Mal wurden durch eine Jury im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln der Preis der Fritz Thyssen Stiftung für die besten sozialwissenschaftlichen Aufsätze in deutscher Sprache vergeben. Dies ist der einzige Zeitschriftenpreis in den Sozialwissenschaften außerhalb des englischsprachigen Bereichs. Der Preis wurde von Prof. Dr. Dr. h.c. Erwin K. Scheuch initiiert und wird seit der ersten Verleihung im Jahre 1981 von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert und durch das Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (bis 2012 durch das Forschungsinstitut für Soziologie) koordiniert. Die Auswahl der Arbeiten erfolgt in zwei Stufen. Die Herausgeber und Redakteure von 16 deutschsprachigen Zeitschriften in den Sozialwissenschaften schlagen jeweils einen, im begründeten Ausnahmefall zwei Aufsätze pro Jahrgang vor, die anschließend von einer Jury begutachtet werden.

Die Zeitschriften sind:
Berliner Journal für Soziologie
Geschichte und Gesellschaft
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie
Leviathan
Medien & Kommunikationswissenschaft
Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft
Österreichische Zeitschrift für Soziologie
Politische Vierteljahresschrift
Publizistik
Swiss Journal of Sociology
Swiss Political Science Review
Soziale Welt
Zeitschrift für Politik
Zeitschrift für Politikwissenschaft
Zeitschrift für Soziologie

Die Jury setzt sich zurzeit zusammen aus den Professoren:
Prof. Dr. Rainer Geißler, Universität Siegen (seit 2009)
Prof. Dr. Marita Jacob, Universität zu Köln (seit 2012, Vorsitzende)
Prof. Dr. Philip Manow, Bremen University (seit 2014)
Prof. Dr. Alexander Nützenadel, Humboldt-Universität Berlin (seit 2017)
Prof. Dr. Barbara Pfetsch, Freie Universität Berlin (seit 2014)
Prof. Dr. Ortwin Renn, Universität Stuttgart (seit 2014)
Prof. Dr. Manfred G. Schmidt, Universität Heidelberg (seit 2005)
Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty, Goethe Universität Frankfurt (seit 2017)
Dr. Joël Binckli, Universität zu Köln (seit 2012, Koordinator)

Für den Jahrgang 2016 wurden von den Zeitschriftenredaktionen 17 Arbeiten zur Prämierung vorgeschlagen. In ihrer Sitzung am 07.07.2017 entschied die Jury, für diesen Jahrgang zwei erste und zwei zweite Preis und keinen dritten Preis zu vergeben.

Den ersten Preis (dotiert mit 1.500 €) erhalten:
Christian S. Czymara und Alexander W. Schmidt-Catran
Wer ist in Deutschland willkommen? Eine Vignettenanalyse zur Akzeptanz von Einwanderern
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 68(2), Seite 193-227

und

Stefan Sacchi und Thomas Meyer
Übergangslösungen beim Eintritt in die Schweizer Berufsbildung: Brückenschlag oder Sackgasse?
Swiss Journal of Sociology, Heft 42(1), Seite 9-39

Den zweiten Preis (dotiert mit 1.000 €) erhalten:
Michel Dormal
Wählen ohne Staatsbürgerschaft? Das Ausländerwahlrecht in der demokratie-theoretischen Diskussion
Politische Vierteljahresschrift, Heft 3, Seite 378-402,

und

Stefan Hirschauer
Der Diskriminierungsdiskurs und das Kavaliersmodell universitärer Frauenförderung
Soziale Welt, Heft 67.2, Seite 119-135

Den dritten Preis (dotiert mit je 500 €) erhält:
Nicht vergeben

Olga Zlatkin-Troitschanskaia, Marold Wosnitza, Patricia Arnold, Renata Suter, Roland Happ, Sarah Nell-Müller, Steffen Brandt, Katharina Zay, Belma Halkic, Laura Marwede, und Melanie Ewert, Projekt SUCCESS: Studienerfolg und -chancen für Geflüchtete

Laut der Studienerfolgsforschung haben Studierende mit Migrationshintergrund ein erhöhtes Studienabbruchrisiko. Untersuchungen zum Studienerfolg Geflüchteter gibt es bislang kaum, die ersten Integrationsherausforderungen sind jedoch evident.
Das innovative Konzept von Kiron Open Higher Education (Kiron) (https://kiron.ngo/) eröffnet Geflüchteten Studienchancen auf Basis digitaler Bildungsangebote in einem umfangreichen Netzwerk von Partnerhochschulen in verschiedenen Ländern und verschafft dabei unbürokratisch, direkt und schnell Zugang zu tertiärer Bildung in vier verschiedenen Studiendomänen (Ingenieurwissenschaften, Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Sozialwissenschaften). Im Verbundprojekt SUCCESS (Gefördert vom BMBF vom 01.01.2017-31.12.2019; FKZ: 16DHLQ007)  werden neue eingangs- und prozessdiagnostische Kompetenz- und Self-Assessmentverfahren mit adressatengerechten Feedbacksystemen sowie studienbegleitende Supportmaßnahmen implementiert und deren Wirksamkeit auf Studienerfolg bei KIRON Studierenden mit Flüchtlingshintergrund erforscht. Das Forschungsdesign umfasst Bestandsanalysen zu Studienbeginn bei Kiron, lernprozessbegleitende Analysen sowie summative Analysen, wie z.B. bei Übertritt in Partnerhochschulen. Die für den Studienerfolg ausschlaggebende Passung individueller studienrelevanter Eingangsvoraussetzungen Studierender mit Flüchtlingshintergrund und die Studienbedingungen oder Lehr-Lern-Angebote werden in den verschiedenen Studien(teil)abschnitten betrachtet. Die Wirksamkeitsanalysen basieren auf den integrierenden Auswertungen der quantitativen und qualitativen Teilstudien im Verbundprojekt. Der Methodenmix ist im Längsschnitt-Kohorten-Design mit Vollerhebung von drei Kiron Studienkohorten angelegt und beinhaltet Kompetenzeingangstests, Self-Assessments, Studienverlaufsanalysen anhand der Kiron Lehr-Lern-Plattform, fragebogenbasierte Studierendenbefragungen (in mehreren Sprachen) zu mindestens drei Zeitpunkten, StudienabbrecherInnenbefragungen, Fokusgruppen mit Beteiligten pro Supportangebot (Mentoren und Mentorinnen/Mentees etc.) und Experteninterviews. Mittels der Testverfahren werden somit sowohl die Eingangsvoraussetzungen von Studierenden erfasst als auch deren individuelle Lern- und Entwicklungsverläufe.
Die Ergebnisse des Projektes SUCCESS sollen dazu dienen, den Kenntnisstand zur erfolgreichen Integration Geflüchteter in Hochschule und Gesellschaft zu erweitern sowie hochschulpolitischen Entscheidungsträger und Akteuren in der Hochschulpraxis eine evidenzbasierte Grundlage zur Verfügung zu stellen, um den Studienerfolg Geflüchteter wesentlich fördern zu können. Ein besonderer Fokus liegt auch auf der Untersuchung des Studienabbruchs Geflüchteter und dessen personen- und kontextbezogener Ursachen. Die Verbundleitung von SUCCESS liegt bei der JGU Mainz; die beteiligten Projektpartner und Teilvorhaben in diesem Verbundprojekt werden im Folgenden vorgestellt:

  1. Kiron Open Higher Education wurde 2015 gegründet und bietet Geflüchteten über die Online-Lernplattform kiron.campus einen Zugang zu höherer Bildung. Das Studienmodell verbindet Online- und Offline-Elemente zu einem innovativen Blended Learning-Ansatz. Kiron-Studierende nehmen zunächst an einem digitalen Studienprogramm mit synchronen und asynchronen Lehr- und Lernszenarien teil und können darauf aufbauend in ein reguläres Offline-Studium an einer Partnerhochschule von Kiron wechseln. Aufgrund des innovativen Konzepts, das Geflüchteten ermöglicht, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort oder noch fehlender Dokumente ein Studium aufzunehmen, ist Kiron gegenwärtig die einzige Organisation in Deutschland, die den Zugang zur Gruppe der geflüchteten Studierenden für das Projekt SUCCESS in ausreichendem Maße herstellen kann. Kiron wird im Rahmen von SUCCESS Studierende rekrutieren, sie mit dem Projekt vertraut machen, die Datenerhebung für quantitative Analysen koordinieren und durchführen sowie die Ergebnisse der Projektpartner an die Studierenden zur individuellen Reflexion des Studienfortschritts adressatengerecht kommunizieren.
  2. Der Projektpartner JGU Mainz übernimmt die wissenschaftliche Koordination des
    SUCCESS-Projekts sowie die Wirksamkeitsanalysen der einzelnen implementierten Maßnahmen und des Gesamtverbundes. Dies umfasst z.B. auch die Untersuchung des Übergangs in den Arbeitsmarkt, sofern der Übertritt an die Partnerhochschulen nicht gelingt. Ein weiteres Teilprojekt an der JGU Mainz fokussiert auf das Aufgabengebiet der Kompetenzdiagnostik. Zu (mindestens) drei Erhebungszeitpunkten werden sowohl die Eingangskompetenzen der Geflüchteten zu Beginn des Kiron-Studiums als auch der Kompetenzerwerb in den einzelnen Studienphasen im Längsschnitt untersucht. Im Kontext der Prozessdiagnostik soll ermittelt werden, welche Wirkungen die Maßnahmen auf die Kompetenzen der Geflüchteten in dem bei Kiron absolvierten Studienfach haben und von welchen Faktoren die individuellen Lernprozesse beeinflusst werden. Im Teilprojekt werden international erprobte Testinstrumente für die vier Studiendomänen eingesetzt, um Hinweise auf individuelle und institutionelle Einflussfaktoren auf den Studienerfolg der Geflüchteten in den vier Studienbereichen gewinnen zu können.
  3. Im Teilvorhaben der RWTH Aachen wird der Einsatz von Online Self-Assessments als niederschwelliger Beratungseinstieg für die Studieninteressierten mit Flüchtlingshintergrund erprobt. Mit der Einführung von Self-Assessments als Online-Beratungstool zur Studienorientierung soll bei den Studieninteressierten im Vorfeld ein Selbstreflexionsprozess angeregt werden, der die eigenen Interessen sowie die Stärken und Schwächen hinsichtlich eines Studiums oder eines bestimmten Studienfaches in den Fokus setzt. Gleichsam sollen die TeilnehmerInnen zu einem besseren Verständnis der Anforderungen eines Studiums in Deutschland geführt werden, um so in Abgleich mit den Anforderungen der einzelnen Universitäten und Hochschulen eine bewusstere Studienentscheidung treffen zu können, welche letztendlich zum höheren Studienerfolg und zu einer höheren Studienzufriedenheit führen soll. Das Teilprojekt umfasst sowohl Fragen der Validität einzelner Self-Assessment Komponenten in Bezug auf die Zielgruppe, als auch die Aufdeckung etwaiger Förderungsbedarfe seitens der Bildungsinstitutionen im Kontext heterogener Eingangsvoraussetzungen.
  4. Das Teilvorhaben an der Hochschule München widmet sich der Untersuchung verschiedener studienbegleitender Maßnahmen und der Frage, inwieweit diese positive Effekte auf den Studienerfolg erzielen können. Beim Lernen mit digitalen Medien, und insbesondere in Massive Open Online Courses (MOOCs), die generell durch relativ hohe Abbruchquoten gekennzeichnet sind, können zusätzliche Betreuungsangebote einen wichtigen Erfolgsfaktor darstellen. Studienerfolg wird dabei sowohl in der Online-Studienphase bei Kiron, in der Studienphase an Partnerhochschulen von Kiron, aber auch in Bezug auf andere Bereiche gesellschaftlicher Teilhabe der Studierenden betrachtet. Zu den untersuchten Maßnahmen gehören u.a. das Buddy Programm zur Vernetzung von inländischen und geflüchteten Studierenden sowie verschiedene Mentoringmaßnahmen. Neben quantitativen Online-Befragungen werden qualitative Interviews mit Kiron MitarbeiterInnen und Studierenden geführt.

Call for Papers

Workplace Flexibility. Guest Editors: Sascha Ruhle und Stefan Süß, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Einsendefrist: 31.12.2017.

Flexibility has been an ongoing issue for various fields of research and practice and a considerable amount of literature dealing with the concept of flexibility has developed. This diversity has led to various perspectives on dimensions and aspects of flexibility. However, two major fields of flexibility can be distinguished. The organizational perspective understands workplace flexibility as the degree of adaptability of an organization in an uncertain and changing environment (Dastmalchian & Blyton 2001). In addition, workplace flexibility can encompass the individual perspective of the workforce, especially the degree of flexibility regarding aspects of where, when, and how work is performed (Hill et al. 2008). Within both streams of research, various aspects of flexibility have been addressed, such as organizational structures (Feldman & Pentland 2003), type of employment (Lepak et al. 2003; Sayah & Süß 2013), management and strategic human resource management (Wright & Snell 1998), time and location of work (Allen et al. 2013), demands towards employees (Vahle-Hinz et al. 2013) and work (Ruiner et al. 2013), leadership (Barrow 1976), and the role of Communication Technologies (Diaz et al. 2012).

Regarding the consequences of flexibility, literature often assumes positive results for both individual and organization, when flexibility increases. For example, evidence has been found that flexibility at work is positively related to self-reported health (Butler et al. 2009). Furthermore, it can increase organizational attractiveness (Nadler et al. 2010; Thompson et al. 2015), profit (Kesavan et al. 2014) and firm performance (Martínez Sánchez et al. 2007). However, there is also a missing consensus and ongoing discussion regarding possible consequences of flexibility. Research has identified potential downsides of flexibility, such as blurred work-life boundaries (Pedersen and Lewis 2012), the risk of stigmatization (Cech & Blair-Loy 2014), unsupportive work climate and inequitable implementation (Putnam et al. 2014). Other relationships, for example between flexibility and work-family conflict (Allen et al. 2013; Shockley & Allen 2007), remain unclear. Further, if the flexibility is only an organizational facade (Eaton 2003; Nystrom & Starbuck 1984) which is communicated but not lived in the organization, even more, negative consequences such as violations of psychological contracts might occur, especially when flexibility is used as a facade to justify the transformation of standard work arrangements to non-standard work arrangements.

Subsequently, a lot of questions remain unanswered:

  • What is the core of flexibility in organizations?
  • Which origins can be identified of the ongoing need for various types of flexibility?
  • What types of flexibility can be systematized and how are those different types related to organizational consequences, such as success or attractiveness?
  • How useful are flexible work arrangements and how can positive consequences be promoted and negative consequences be avoided, or at least weakened?
  • Which consequences result from a gap between offered and truly supported types of flexibility, e.g. the role of organizational facades?
  • How does embeddedness of Information and Communications Technologies in work practices enable and assist workplace flexibility?
  • What are the consequences of the ongoing flexibilization of work on the economic and social level?

The aim of this special issue is to increase our understanding of the above-mentioned aspects of workplace flexibility, especially from an organizational perspective. We encourage empirical – qualitative or quantitative – submissions from various research fields, such as business administration, industrial and organizational psychology, work sociology and other disciplines dealing with the topic of the Special Issue.

Full papers for this special issue of management revue must be submitted by 31 December 2017. All contributions will be subject to double-blind review. Papers invited to a ‘revise and resubmit’ are due 31 May 2018. Please submit your papers electronically via the online submission system at http://www.mrev.nomos.de/ guidelines/submit-manuscript/ using ‘SI Workplace Flexibility’ as article section.

Guest Editors:
Sascha Ruhle, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf (Germany)
Stefan Süß, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf (Germany)

Weitere Informationen erhalten Sie unter folgendem Link:

  • http://www.soziologie.de/uploads/media/17-07_mrev-cfp-si-workplace-flexibility.pdf

Musik – Kultur – Gedächtnis. 8.-9. März 2018, Universität Freiburg.
Einsendefrist: 30.11.2017.

Eine gemeinsame Tagung des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) der Universität Freiburg und des Arbeitskreises Gedächtnis-Erinnern-Vergessen der Sektion Wissenssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Musik ist eine wichtige soziokulturelle Ausdrucksform quer durch alle Kulturen. Als „sinnhafter Zusammenhang ohne Bezug zu einem begrifflichen Schema“ (Alfred Schütz) ändert sich ihre Definition mit den jeweiligen kulturellen Kontexten. Der Vielfalt musikalischer Phänomene liegen jedoch einige Gemeinsamkeiten zugrunde: Zum einen hat Musik eine enge Verbindung zum Affektiv-Emotionalen und zum anderen sind Musik und Zeit auf mehrfache Weise verbunden: a) die jeweilige musikalische Darbietung oder Reproduktion ist ein zeitlicher Ablauf und als solcher gedächtnishaft organisiert, b) musikalische Aufführungen sind jeweils gegenwärtige präsentistische Formen, die auf die Differenz von Werk und Interpretation zurückgreifen und entsprechend auf gedächtnishafte Formen angewiesen sind, und c) jedes Musikstück steht in spezifischen (inter-/trans-)kulturellen Traditionen, die von ihm aktualisiert werden.

Musik, wie auch immer definiert, ist deshalb Element in vielen sozialen Gedächtnissen und bildet von jeher eine Schnittstelle zwischen kulturellen Äußerungsformen und sozialen Formationen. In ihrer Eigenschaft als ästhetische Praxis steht sie sinnbildlich für die ideellen Wertkomplexe, entlang derer Kollektive und Kulturen sich ihres Zusammenhalts vergewissern, oder wirkt selbst begründend für (sub-)kulturelle Gruppierungen. Eine tragende Rolle nehmen diesbezüglich Institutionen wie Schule, Massenmedien oder auch religiöse Organisationen ein. In ihrem Kontext werden einzelne Musikerzeugnisse, Musizierformen, musikalisches Wissen und Stile bewahrt und der Öffentlichkeit stets von neuem zugänglich gemacht, wodurch sie gleichsam lebendig gehalten werden. In den Selektionen und Auslegungen, die diesen Vorgang begleiten, wird nicht selten versucht, ein bestimmtes „Konzept“ von (musikalischer) Kultur durchzusetzen. Gleichwohl obliegt es in letzter Konsequenz den Adressaten kultureller Produktion, den Rezipienten, in einem komplexen und letztlich kontingenten Sanktionierungsprozess über die soziale Geltung von musikalischen Erzeugnissen und Praktiken zu befinden.

Musikalisches Erinnern kann nicht losgelöst von den medialen und materialen Grundlagen sinnlicher Wahrnehmung betrachtet werden, angefangen von den Instrumenten der Klangerzeugung bis hin zu den Formen der Aufzeichnung und Reproduktion. Das Materiale resp. Mediale verweist auf eine substantielle Qualität, die Menschen als etwas Widerständiges erfahren und die bestimmte Effekte zeitigt (z.B. Anhören statt Zuhören, Körperlichkeit der Performanz). Einen tiefgreifenden Umbruch in der musikkulturellen Gedächtnisproduktion bewirkten die elektronischen Massenmedien, die die Speicherung und Tradierung von Musik entlang identisch reproduzierbarer Klanggestalten ermöglichten. Musikalischer Klang konnte fortan als Ware (Tonträger) buchstäblich habhaft gemacht werden, nicht zuletzt kumulativ in Form des Plattensammelns. Die sozialen Medien wiederum befördern eine auf Körperpraktiken und expressivem Verhalten basierende Erinnerungspraxis. So erhält der musikinteressierte (Prod-)User etwa durch Videoportale wie Youtube die Möglichkeit, musikalische Werke in (potenziell) großer kommunikativer Reichweite neu zu interpretieren. Angesichts der Feedbackstruktur von sozialen Netzwerk-Applikationen (Klicks, Freunde/Abonnenten, Likes etc.) erscheint die These naheliegend, dass musikbezogenes Erinnern zunehmend einer Logik der Popularisierung folgt. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen möchten das Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) und der Arbeitskreis Gedächtnis-Erinnern-Vergessen theoretische und empirische Beiträge aus dem angerissenen Themenkreis „Musik – Kultur – Gedächtnis“ versammeln. Dabei können insbesondere adressiert werden:

  • das Verhältnis von Musik, Zeit und Gedächtnis;
  • spezifische musikalische Kulturen in ihren Zeit- und Vergangenheitsbezügen;
  • mediale und materiale Grundlagen musikalischer Kulturen;
  • die Veränderungen der musikkulturellen Gedächtnisse durch die digitalen Medien;
  • die Herausbildung, Tradierung und Institutionalisierung von musikalischen Kunstformen in ihrer jeweiligen ästhetischen Praxis (etwa Oper, Ballett, Schlager, Popmusik);
  • kulturelle Abgrenzungen von Musik und ihre Legitimationen;
  • Musik als konstitutives Element von Kulturen bzw. Kollektiven;
  • Körpergedächtnisse und Emotionen in musikalischen Kulturen.

Beitragsvorschläge (ca. 3.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) mit kurzen Angaben zur Person werden bis spätestens 30. November 2017 an die Tagungsorganisatoren erbeten:

Christofer Jost (Universität Freiburg): christofer.jost@zpkm.uni-freiburg.de

Gerd Sebald (FAU Erlangen): Gerd.Sebald@fau.de

  • http://www.soziologie.de/uploads/media/17-07_CfP_Musik_Kultur_Geda__chtnis.pdf

Offene Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie. 26. – 27. April 2018, Universität Bamberg. Einsendefrist: 04. 02.2018.

Die politische Soziologie ist vielfältig und setzt sich empirisch mit unterschiedlichsten Phänomenen auseinander. Die hohe Diversität der Forschung resultiert einerseits aus der Komplexität des Gegenstandsbereichs. Andererseits beruht sie darauf, dass innerhalb der Disziplin die Meinungen weit auseinandergehen, was unter politischer Soziologie genau zu verstehen sei. So wird die politische Soziologie entweder als „praxisbezogene Demokratiewissenschaft“ (Kißler 2007: 15) bestimmt, oder als dasjenige Teilgebiet der Soziologie, das sich mit sozialen Handlungen beschäftigt, die versuchen, „Entscheidungen, Entscheidungsprozesse und Institutionen zu beeinflussen und zu kontrollieren“ (von Trotha 2006: 283), oder als Bindestrichsoziologie, welche die Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit untersucht (Kreckel 2004). Diese Aufzählung ist keineswegs erschöpfend. Sie illustriert aber die große Brandbreite unterschiedlicher Grundverständnisse hinter dem, was politische Soziologinnen tun.

Auf der geplanten offenen Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie geht es nicht primär um eine Grundsatzdebatte über die Ausrichtung und den Sinn der politischen Soziologie. Wir sind vielmehr daran interessiert, die große Bandbreite aktueller Forschungsarbeiten im Bereich der politischen Soziologie zusammenzuführen und miteinander in einen Dialog zu bringen. Die unterschiedlichen Verständnisse von politischer Soziologie können dabei einerseits als „roter Faden“ für eine anregende Diskussion über die Beiträge dienen, andererseits können davon auch Impulse für die Selbstreflexion der Disziplin ausgehen. Dabei sind junge Nachwuchsforscherinnen ebenso herzlich willkommen wie etablierte Mitglieder unseres Faches.

Die Tagung wird am 26. und 27. April 2018 an der Universität Bamberg stattfinden. Geplant sind Vorträge von ca. 30 Minuten mit ausreichender Diskussionszeit. Wir bitten um die Zusendung von Vortragsskizzen (im Umfang von 2-3 Seiten) bis zum 04. Februar 2018. Neben einer inhaltlichen Beschreibung (Titel, Fragestellung, Vorgehen, etc.) sollten diese auch kurz auf das jeweilige Grundverständnis von politischer Soziologie eingehen, an dem sich das Forschungsprojekt orientiert. Beitragsvorschläge senden Sie bitte an folgende Emailadresse:
thomas.laux@uni-bamberg.de

Tagungsorganisatoren:
Prof. Dr. Thomas Kern
Dr. Thomas Laux

  • https://soziopolis.de/fileadmin/user_upload/redakteure/medien/CfP_Politische_Soziologie2018_KernLaux.pdf

Ankündigungen

HANDELN = HERSTELLEN? UNTERWEGS ZU EINEM POSTPOIETISCHEN PARADIGMA
Gründungsworkshop für die AG Postpoietisches Paradigma am 2.-3. Feb. 2018 an der Universität Duisburg-Essen

Menschen handeln. Das scheint evident, wenn auch in Philosophie und Soziologie zum einen der Begriff des Handelns oft infrage gestellt und zum anderen versucht wird, den Anwendungsbereich dieses Begriffs auf Natur und Artefakte zu erweitern. Jedoch setzen ihn alle modernen Institutionen, vor allem das Rechtssystem, mehr oder weniger stillschweigend voraus. Handeln bedeutet innerhalb der akteursorientierten soziologischen Theorien üblicherweise das zielgerichtete, intentionale Verhalten. Der Akteur bemüht sich, seine Ziele nach der – stets subjektiven – Abwägung der geeignetsten Mittel zu realisieren. In diesem Modell – in der philosophischen Tradition poiesis genannt – wird der Sinn des Handelns mit dem zu realisierenden Zweck identifiziert.

Es war Martin Heidegger, der bemerkte, dass dieses in der europäischen Denktradition überlieferte und als selbstverständlich angenommene Modell des Handelns als poiesis mit zwei anderen Annahmen zusammenhängt: Erstens dem Sein als Hergestellt-Sein und Vorhanden-Sein; zweitens der linearen Zeitvorstellung, der zufolge Vergangenheit nur die vergangene Gegenwart und die Zukunft nur die herannahende Gegenwart bedeutet. Die lineare Zeit als Kontinuum – also ohne Bruch – ist zugleich eine unentbehrliche Voraussetzung für die kausale Erkenntnis und die kausale Zurechnung. Max Webers Beharren auf der kausalen Erkenntnis und das Zweckhandeln als soziologische Grundkategorie sind die beiden Seiten derselben Medaille. Seitdem versuchte die soziologische Handlungstheorie mehrere Korrekturen an diesem poietischen Paradigma, die wesentliche Bestimmung blieb jedoch unangetastet. Sowohl der Homo oeconomicus als auch der Homo sociologicus lassen sich als Variante des herstellenden Verhaltens (poiesis) ansehen. Zwecke und Normen realisieren oder bekunden sich als Handlungssinn durch und im Handeln. Was durch menschliches Verhalten (Handeln) geäußert und objektiviert wird, variiert von Theorie zu Theorie. Hierzu gehören nicht nur Zwecke, Ziele und Absichten, sondern auch Werte und Normen, nicht nur explizites Wissen im Bewusstsein, sondern auch das vom Körper getragene, implizite Wissen (Habitus). Das Grundschema des herstellenden Verhaltens aber – die Realisierung von etwas, was vor dem Tun irgendwo und irgendwie potenziell schon vorhanden ist, durch das menschliche Verhalten (Handeln), die Objektivierung des Subjektiven – bleibt unerschüttert, weil man die beiden anderen Annahmen über Sein und Zeit nie infrage gestellt hat.

Andererseits unterschlug schon Max Weber keineswegs den idealtypischen Charakter zweckrationalen Handelns. Dass ein Mensch hinsichtlich des Zweckes, Mittels oder Werts bewusst agiert, ist eher ein Grenzfall. Der subjektive Handlungssinn existiert nicht immer ex ante (vor der Ausführung eines Handelns im „Bewusstsein“ oder im Körper), sondern wird einer Tat ex post durch die rückblickende Konstruktion und (nicht selten) externe Beobachter zugewiesen. Insofern ist die poietische Kategorie des Handelns eine Kategorie der (Selbst-) Beobachtung mit der Funktion, die Komplexität der uns anschaulich gegebenen Wirklichkeit zu reduzieren und eindeutige, evidente und verständliche Sinnzusammenhänge zu generieren. Menschen handeln also nicht – zumindest nicht immer. Wahr ist, dass wir – seit Platon und Aristoteles, aber vor allem seit der Durchsetzung der Moderne – darauf getrimmt sind, bestimmte Vorgänge einschließlich der eigenen Körperbewegung als „Handeln“ zu betrachten und zu beschreiben. Dieser historische Vorgang geht zugleich einher mit der Implementierung des modernen Subjekts als institutionelle Fiktion – als Handlungs- und Rechtssubjekt mit Bewusstsein und Verantwortbarkeit, wobei, wer nicht zweckmäßig handeln, sein körperliches Verhalten nicht unter Kontrolle bringen und sich nicht i.S. der unterstellten Subjektfiktion selbst steuern kann, mit verschiedenen Etiketten (Natur, Frau, Kind, Orientaler, Proletarier usw.) aus der sozialen Welt exkludiert wird (Ariès, Foucault u.a.).

Das sozialtheoretische Poiesis-Paradigma zeigt bis heute mehrere konzeptionelle Schwächen. Dazu gehören (hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit), (1) dass sich die menschlichen Tätigkeiten nicht in poiesis erschöpfen, vor allem wenn es um Beziehungen zwischen Menschen geht. Außerdem ist der Sinn des Handelns nicht ausschließlich auf Absichten oder Normen reduzierbar; ferner ist (2) nach diesem Modell die Zukunft nichts anderes als eine Folge der Vergangenheit, womit „die Zukunft als authentische Zeitform“ geleugnet wird (Hannah Arendt, 1989). In dieser Denktradition wird jedenfalls das Mögliche durch das herstellende Verhalten hier und jetzt realisiert und in das Wirkliche umgesetzt. Mit der Zukunftsoffenheit wird dann auch in der neueren Praxistheorie nur die Zweiwertigkeit bezeichnet, d. h., ob Praktiken gelungen oder misslungen sind, fortgesetzt werden oder nicht. Es fällt in diesem Paradigma sehr schwer, etwas wirklich Neues, einen wirklichen Neuanfang zu denken (Problem der Emergenz); schließlich (3) wird diese Denktradition der Einzigartigkeit eines Individuums und der Pluralität der Menschen nicht gerecht. Jede Einzelhandlung bedeutet danach lediglich mal eine gute, mal eine schlechte Realisierung eines Zwecks und von Normen oder Vorgaben und Habitusformen.

Ausgehend von dieser Problemlage wird die Gründung einer neuen Arbeitsgruppe in der Sektion Kultursoziologie angestrebt, die sich der Rekonstruktion und Erforschung des postpoietischen Paradigmas als Alternative zum poietischen Paradigma der Handlungstheorie widmet. Zu den Fragestellungen der Arbeitsgruppe gehören beispielsweise auf der sozialtheoretischen Ebene: Welche Alternativen zum Poiesis- Modell lassen sich (etwa im Anschluss an Heidegger, Arendt, aktuelle Überlegungen zum Begriff der Emergenz und des Ereignisses oder die Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours und anderer Agency- Konzepte) entwickeln? Welche Verbindungen von Formen menschlicher Tätigkeiten (Arbeit, Herstellen, Handeln…) und Zeitvorstellungen können jenseits von poiesis und linearer Zeit gedacht werden? Wie wird die Soziologie der von Hannah Arendt postulierten Pluralität der Menschen theoretisch und methodisch gerecht? Auf gesellschaftstheoretischer Ebene: Unter welchen soziostrukturellen Bedingungen hat sich die Kategorie der poiesis durchgesetzt? Inwiefern hat die Rezeption des römischen Rechts und/oder des modernen europäischen Rechtssystems zur Implementierung der Kategorie der poiesis und zur Schaffung des modernen Handlungssubjekts mit Bewusstsein beigetragen? Ist poiesis eine Universalie, oder können wir uns ein Subjekt, eine Handlungstheorie, eine Gesellschaft vorstellen, die nicht durch diese Kategorie determiniert sind? Wie können wir ein Phänomen, das im Poiesis-Paradigma als irrational betrachtet wird (z.B. das Verzeihen), plausibler fassen? Welchen Stellenwert erhält die religiöse Erkenntnis im postpoietischen Denken?

Der geplante Gründungsworkshop strebt eine möglichst breite und systematische Ideensammlung und Problemformulierung an.

Es wird bis zum 31. Oktober 2017 um die Einsendung von Referatsvorschlägen (max. 1 Seite) gebeten, zu richten an:

PD Dr. Takemitsu Morikawa, Universität Luzern, Soziologisches Seminar, Frohburgstrasse 3, PF 4466, 6002 Luzern, Schweiz (takemitsu.morikawa@doz.unilu.ch);

Dr. Christian Dries, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Soziologie, Rempartstraße 15, 79085 Freiburg i. Br., Deutschland (christian.dries@soziologie.uni-freiburg.de)

  • http://www.soziologie.de/uploads/media/17-06_HandelnHerstellen_CfP.pdf

 

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