Abhandlungen

Die Vereinbarkeitsfrage für Männer: Welche Auswirkungen haben Elternzeiten und Teilzeitarbeit auf die Stundenlöhne von Vätern?

Mareike Bünning
KZfSS, 68, 2016: 597–618

Zusammenfassung: Studien zeigen, dass sich viele Väter in Deutschland wünschen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, dies aufgrund von langen Arbeitszeiten jedoch oft nicht umsetzen können. Elternzeit und Teilzeitarbeit könnten Optionen sein, die Vätern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Arbeitsmarkttheorien legen jedoch nahe, dass die Inanspruchnahme solcher Maßnahmen mit Lohneinbußen verbunden ist. Dementsprechend entscheiden sich derzeit viele Väter gegen diese Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, da sie finanzielle Einbußen und Karrierenachteile befürchten. Um zu überprüfen, inwieweit diese Erwartungen empirisch fundiert sind, untersucht diese Arbeit daher den Einfluss von Elternzeit und Teilzeitarbeit auf die Stundenlöhne von Vätern. Fixed Effects-Analysen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) 1991–2013 und Familien in Deutschland (FiD) 2010–2013 zeigen, dass Teilzeitarbeit mit Lohneinbußen verbunden ist. Eine Elternzeit wirkt sich hingegen nicht auf die Löhne von Vätern aus – unabhängig davon, ob Väter nur die beiden für sie reservierten Partnermonate oder eine längere Elternzeit in Anspruch nehmen. Die Ergebnisse deuten somit darauf hin, dass die gesetzliche Elternzeit Vätern einen Rahmen bietet, in dem sie sich stärker in ihren Familien engagieren können, ohne berufliche Nachteile zu erfahren.

Schlüsselwörter: Väter · Vaterschaft · Elternzeit · Teilzeitarbeit · Stundenlohn

Work-family reconciliation for men: Do parental leave and part-time work affect fathers’ hourly wages?

Abstract: As previous research shows, many German fathers would like to spend more time with their children, but long working hours often restrict their opportunities to do so. Parental leave and part-time work could help fathers to reconcile work and family. Yet, labor market theories predict that using such family-friendly policies may lead to wage penalties. Hence, many fathers decide against using such policies because they fear that parental leave or part-time work will lead to financial penalties and career disadvantages. This article evaluates this concern by empirically examining the effect of parental leave and part-time work on fathers’ hourly wages. Using data from the German Socio-Economic Panel (SOEP) 1991–2013 and Families in Germany (FiD) 2010–2013, results from fixed-effects regression analyses show that part-time work is associated with wage penalties, but parental leave is not – irrespective of whether fathers only took the two months fathers’ quota or longer parental leaves. The results hence indicate that the German parental leave legislation enables fathers to spend more time with their children while protecting them from wage penalties at work.

Keywords: Fathers · Fatherhood · Parental leave · Part-time work · Wages

Mareike Bünning
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Reichpietschufer 50, 10785 Berlin, Deutschland
E-Mail: mareike.buenning@wzb.eu

Welche Lohnungleichheiten sind gerecht? Arbeitsmarktbezogene Ursachen von Lohnungleichheiten und die wahrgenommene (Un-)Gerechtigkeit des eigenen Erwerbseinkommens

Carsten Sauer · Peter Valet · Stefan Liebig
KZfSS, 68, 2016: 619–645

Zusammenfassung: Anknüpfend an Debatten über steigende Lohnungleichheiten fragen wir in diesem Beitrag, wie Lohnunterschiede zustande kommen und inwieweit diese als gerecht wahrgenommen werden. Dazu werden zunächst drei zentrale ungleichheitsgenerierende Faktoren aus der Arbeitsmarkt- und Ungleichheitsforschung abgeleitet: Individuelle, betrieb sbezogene sowie strukturelle Merkmale. Im zweiten Schritt wird empirisch untersucht, welchen Beitrag diese Faktoren zur Entstehung von Einkommensunterschieden leisten und als wie gerecht oder ungerecht die damit verbundenen Renditen wahrgenommen werden. Analysen auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels zeigen, dass Lohnunterschiede als gerecht angesehen werden, wenn sie auf individuellen Faktoren (Bildung und Berufserfahrung) beruhen. Lohnunterschiede aufgrund betrieblicher (atypische Beschäftigung, Senioritätsentlohnung) und struktureller Faktoren (Berufsgruppen, Branchen und Region) sind bedeutsame Quellen wahrgenommener Ungerechtigkeit. Der Beitrag erweitert Debatten um ansteigende Lohungleichheiten und zeigt, dass zwingend zwischen gerechten und ungerechten Ungleichheiten unterschieden werden muss, insbesondere, wenn soziale oder politische Folgen dieser Entwicklung diskutiert werden.

Schlüsselwörter: Einkommensungleichheiten · Einkommensgerechtigkeit · Ungerechtigkeit · SOEP

Which income inequalities are considered just? Labour market related causes of income inequalities, and employees’ (in)justice perceptions of their earnings

Abstract: This article examines the reasons for inequalities of earnings in Germany and the extent to which these inequalities are considered to be legitimate. We focus on three major inequality-generating factors derived from labour market and inequality research: individual, firm-specific and structural factors. We then investigate empirically the importance of these factors in the emergence of differences of earnings and the extent to which employees consider the rents of each factor to be just or unjust. Analyses based on data from the German Socio-Economic Panel reveal that wage differentials are considered as just if they can be attributed to individual factors (level of education, professional experience). In contrast, wage differentials due to firm-specific factors (at ypical employment, seniority-based pay) and structural factors (certain occupational groups/industries, differences between regions) are the major reasons for perceive d earnings injustice. The results of this study will contribute to the debate concerning increasing wage inequalities and reveal that distinguishing between just and unjust inequalities is essential, especially in discussions regarding the social or political consequences of this trend.

Keywords:  Wage inequalities · Justice of earnings · Injustice · SOEP

Carsten Sauer
Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld
Postfach 100131, 33501 Bielefeld, Deutschland
E-Mail: carsten.sauer@uni-bielefeld.de

Peter Valet
E-Mail: peter.valet@uni-bielefeld.de

Stefan Liebig
E-Mail: stefan.liebig@uni-bielefeld.de

Führungspositionen im Ehrenamt – ein weiterer Bereich der Benachteiligung von Frauen?

Marcel Erlinghagen · Belit Saka · Ina Steffentorweihen
KZfSS, 68, 2016: 647–673

Zusammenfassung: Der Beitrag geht mit Hilfe einer Analyse der Daten des Freiwilligensurveys 2009 der Frage nach, ob es im Bereich unbezahlter, ehrenamtlicher Arbeit Hinweise auf eine Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen gibt. Es zeigt sich, dass Frauen eine deutlich verringerte Wahrscheinlichkeit als Männer aufweisen, in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit Führungspositionen zu übernehmen. Dieser Zusammenhang ist auch dann stabil, wenn (Selbst-)Selektionseffekte sowie eine Reihe zentraler soziodemografischer, sozioökonomischer und engagementspezifischer Faktoren berücksichtigt werden. Eine differenzierte Analyse zeigt zudem eine Benachteiligung von Frauen hinsichtlich der Übernahme ehrenamtlicher Leitungsfunktionen insbesondere für bestimmte Tätigkeitsbereiche oder in bestimmten Organisationsformen. Vor allem Vereine und Kirchen bzw. religiöse Organisationen offenbaren hier deutliche Defizite. Dies sind wichtige Hinweise darauf, dass strukturelle und organisatorische Faktoren eine wesentliche Bedeutung für die Erklärung und mithin auch für eine zukünftige Beseitigung der auch im Bereich des Ehrenamtes vielfach existierenden „Gläsernen Decke“ zukommt.

Schlüsselwörter: Ehrenamt · Führungspositionen · Geschlecht · Benachteiligung · Selbstselektion

Management Positions in Volunteering – Another Field of Discrimination of Women?

Abstract: Based on data of the 2009 German Volunteer Survey (“Freiwilligensurvey”) the paper analyses whether there is evidence for a discrimination of women in filling management positions in the volunteer sector. It turns out that women have a significant lower propensity to take up an unpaid volunteer management position. This correlation is also robust when we control for self-selection bias as well as certain important socio-demographic, socio-economic and volunteer-specific determinants. Further on we can show that this kind of gender-specific discrimination can be found particularly in leisure-time clubs and religious organisations. These results indicate that structural and organisational parameters play an important role to explain gender specific differences in filling volunteer management positions.

Keywords: Volunteering · Management Positions · Gender · Discrimination · Self-Selection Bias

Marcel Erlinghagen
Institut für Soziologie, Universität Duisburg-Essen
Lotharstr. 63, 47057 Duisburg, Deutschland
E-Mail: marcel.erlinghagen@uni-due.de

Belit Saka
E-Mail: belit.saka@uni-due.de

Ina Steffentorweihen
E-Mail: ina.steffentorweihen@stud.uni-due.de

Ursache oder Urheber: Argumente gegen einen reduktiven Individualismus

Gregor Bongaerts
KZfSS, 68, 2016: 675–692

Zusammenfassung: Von Seiten individualistischer Positionen der soziologischen Handlungstheorie werden praxistheoretische Ansätze dahingehend kritisiert, dass sie einzelne Handlungen aus dem Zusammenhang sozialen Geschehens verständlich und erklärbar machen wollen, den sie als Praxis beschreiben. Diese Annahme steht im Widerspruch zu der Auffassung, dass letztlich alles soziale Geschehen und jeglicher soziale Sinn auf die sozialen Akteure und deren Eigenschaften zu reduzieren sind. Die individualistische Kritik an Argumenten der Praxistheorie beruht allerdings auf einer fehlenden Unterscheidung zwischen der Verursachung sinnhaften Handelns und der Urheberschaft für den sozialen Sinn des Handelns. Mit Hilfe der Unterscheidungen von Ursache und Urheber, von Kausalität und Koordination sowie von Kausalität und Konstitution wird die Kritik des reduktiven Individualismus zurückgewiesen. Im Verbund mit der Identifizierung von Missverständnissen bzgl. des Primats sozialer Beziehungen gegenüber Akteuren werden zudem Probleme einer Sozialtheorie markiert, die auf einer individualistischen Ontologie aufbaut.

Schlüsselwörter: Individualismus · Praktiken · Zuschreibung · Urheber · Soziale Beziehung · Sozialtheorie

Cause or Creator: Arguments against Reductionist Individualism

Abstract: In sociological action theory, individualistic positions typically criticize practice theoretical approaches in regard to their assumption that individual acts are the products of collective social processes. Instead, individualistic theories generally reduce every action and all social processes to individual actors. This critique on practice theoretical arguments, however, is based on a missing distinction between the cause and the creator of the social meaning of action. Drawing on conceptual distinctions between cause and creator, causality and coordination, and causality and constitution of meaning, I will reject the individualistic critique on theories of practice in this article. Furthermore, I will determine problems of a social theory that is based on an individualistic ontology more generally.

Keywords: Individualism · Practice · Attribution · Creator · Social Relationship · Social Theory

Gregor Bongaerts
Institut für Soziologie, Universität Duisburg-Essen
Lotharstr. 65, 47057 Duisburg, Deutschland
E-Mail: gregor.bongaerts@uni-due.de

 

Berichte und Diskussionen

Akzeptanz von Vergeltungsmaßnahmen am Arbeitsplatz: Befunde aus einer quasi-experimentellen Untersuchung

Gesine Stephan · Sven Uthmann

KZfSS, 68, 2016: 693–712

Zusammenfassung: Ist es akzeptabel, wenn ein Unternehmen einen Beschäftigten wegen eines kleinen Eigentumsdelikts entlässt? Ist es in Ordnung, wenn Arbeitnehmer gegenüber ihren Vorgesetzten Informationen zurückhalten, weil ihre Leistungsprämie gestrichen wurde? Die vorliegende Vignettenstudie arbeitet heraus, wann unbeteiligte Dritte solche und ähnliche „Vergeltungsmaßnahmen“ als akzeptabel einschätzen. Hierfür beurteilten Teilnehmende an einem Online-Panel eine Anzahl verschiedener Szenarien oder Vignetten. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Befragten eher schwächere als stärkere Reaktionen akzeptieren. Reaktionen, die neben organisationalen auch gegen rechtliche Normen verstoßen, akzeptieren sie seltener. Allerdings kommt es auch darauf an, was die Reaktion ausgelöst hat. So steigt z. B. die Akzeptanz von Entlassungen mit der Höhe des vorhergehenden Schadens für den Arbeitgeber. Die Eigenschaften der beschriebenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beeinflussen die Akzeptanz von Vergeltungsmaßnahmen hingegen nur in geringem Maße. Von den Merkmalen der Beurteilenden selbst hatte vor allem das Alter einen signifikanten Einfluss: Ältere Menschen akzeptieren Normverletzungen deutlich seltener als jüngere Menschen.

Schlüsselwörter: Negative Reziprozität · Beschäftigungsverhältnis · Faktorieller Survey

Accepting retaliation in the workplace: findings from a quasi-experimental investigation

Abstract: Is it acceptable when a company dismisses a worker because of a small property offense? What about workers who withhold information to their superiors because their performance bonus was canceled? This vignette study works out if and under which conditions bystanders assess these and similar retaliation measures as acceptable. Participants in an online panel were asked to judge the acceptability of different scenarios. The results show that respondents rather accept weaker  than stronger retaliations, and that they rather accept measures that violate only organizational norms, but no legal norms. However, it also important what caused the reaction – for instance the acceptance of la yoffs increases with the level of previous damage done to the employer. The characteristics of employers and employees described have, however, only a small impact on acceptance rates. Regarding the characteristics of survey participants, especially age had a significant impact – older persons are significantly less likely to accept norm violations than younger people.

Keywords:  Negative reciprocity · Employment relationships · Factorial survey

Gesine Stephan
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Regensburger Str. 104, 90478 Nürnberg, Deutschland
E-Mail: gesine.stephan@iab.de

Sven Uthmann
E-Mail: sven.uthmann3@iab.de

Der Wandel der Konsumstruktur in Deutschland – ein Indiz für die Individualisierung von  Lebensstilen oder doch die Folge soziodemografischer Entwicklungen?

Katharina Hörstermann

KZfSS, 68, 2016: 713–730

Zusammenfassung: Empirische Studien diagnostizieren einstimmig einen Wandel der Konsumstruktur in Deutschland über die letzten Jahrzehnte. Hinsichtlich seiner Ursachen herrscht hingegen Unklarheit. Während lange Zeit auf eine zunehmende Entkopplung des Lebensstils von der sozialen Lage als Erklärung verwiesen wurde, findet mehr und mehr ein Rückgriff auf traditionelle sozialdemografische Merkmale statt. Der vorliegende Beitrag untersucht anhand von Daten zur Einkommensverwendung in Deutschland zwischen 1978 und 2008, inwiefern der konstatierte Konsumstrukturwandel durch Änderungen der Alters-, Haushalts- und Einkommensverteilung erklärt werden kann. Die Ergebnisse einer Dekompositionsanalyse zeigen, dass diese strukturellen Komponenten den Konsumstrukturwandel nicht erklären können. Vielmehr deutet sich an, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Geburtskohorten zu einer Verschiebung der Präferenzen geführt haben.

Schlüsselwörter: Konsumstrukturwandel · Lebensstil · Präferenzen · Demografischer Wandel · Dekomposition

The change of consumption patterns in Germany – an evidence of the individualization of lifestyles or the effect of socio-demographic changes?

Abstract: Following the results of different empirical studies the consumption patterns of German households changed significantly during the last decades. While this change was attributed to a dissolving correlation between lifestyle and social status for a long time, more and more studies focus on the relationship of lifestyle and socio-demographic criteria again. This report analyses the effects of social composition regarding age, income and households types on the use of income between 1978 and 2008. The results of the decomposition analysis reveal that the socio-demographic components cannot explain the change of consumption patterns in Germany. Rather it seems that different social conditions during socialisation affect lifestyles and should be considered when analysing consumption patterns.

Keywords: Consumption structure · Lifestyle · Preferences · Demographic change · Decomposition

Katharina Hörstermann
Lehrstuhl für Empirische Wirtschafts-und Sozialforschung, Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln, Deutschland
E-Mail: katharina.hoerstermann@web.de

Literaturbesprechungen

Bildungssoziologie

  • Stoye, Kristian: Bildungschancen im Spiegel familiendemografischer Veränderungen. Der Einfluss von Geschwister- und Familienkonstellationen. (Barbara Elisabeth Fulda)

Soziologie der Ungleichheit

  • Fratzscher, Marcel: Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird. (Karl Ulrich Mayer)

Geschlechtersoziologie

  • Vianello, Mino, und Mary Hawkesworth. Hrsg.: Gender and Power. Towards Equality and Democratic Governance. (Carol Hagemann-White)

Soziologie des wirtschaftlichen Handelns

  • Bartley, Tim, Sebastian Koos, Hiram Samel, Gustavo Setrini und Nik Summers: Looking behind the label. Global industries and the conscientious consumer. (Corinna Fischer)

Soziologie der Kriminalität

  • Hess, Henner: Die Erfindung des Verbrechens. (Franziska Kunz)

Hochschulforschung

  •  Hüther, Otto, und Georg Krücken: Hochschulen. Fragestellungen, Ergebnisse und Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Hochschulforschung. (Michael Hölscher)

Nachrichten und Mitteilungen

Nekrolog

Nachruf auf Thomas Luckmann (14. 10. 1927-10. 5. 2016)

Am 10. Mai 2016 starb Thomas Luckmann nach langer Krankheit in Bodensdorf, Kärnten. Er war einer der bekanntesten Sozialwissenschaftler im deutschsprachigen Raum und emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Konstanz. Geboren wurde Thomas Luckmann am 14. Oktober 1927 im slowenischen Jesenice in der Nähe seines Sterbeortes. Seine Mutter war Slowenin, sein Vater Österreicher, sodass er zweisprachig aufwuchs. Während des Zweiten Weltkrieges war er mit seiner Mutter nach Wien umgezogen. Das Ende des Krieges hatte er noch als Soldat in Deutschland erlebt. Nach dem Krieg machte er in Wien die Matura und studierte zunächst in Wien nun wieder als „slowenischer Ausländer“ Sprachwissenschaften und Philosophie. Wien war damals von der sowjetischen Armee besetzt. Von dort schmuggelte er sich 1949 in die französische Besatzungszone und studierte dort in Innsbruck weiter. Seine Interessen überspannten eine Reihe verschiedener Disziplinen, die von der Sprachwissenschaft bis zur Psychologie reichen. Von Innsbruck aus bewarb er sich bei der Sorbonne, in Oxford und in Yale für Stipendien – und erhielt von allen drei Universitäten Zusagen. Dass er allerdings schließlich in New York landen würde, ist der Begegnung mit seiner späteren Frau Benita zu verdanken, die er in den Semesterferien bei der Flüchtlingsarbeit für die Vereinten Nationen kennen lernte. Benita Luckmann, geb. Petkevič, stammte aus dem Baltikum. Sie heirateten 1950, von wo aus er ihr später nach New York folgt. Benita Luckmann sollte selbst eine bedeutende Soziologin werden und durch ihre gemeindesoziologischen Arbeiten, ihre Forschung zur wissenschaftlichen Emigration und ihre Analysen der „kleinen Lebenswelten“ große Anerkennung erfahren. Durch ihre gemeindesoziologischen Arbeiten im Schwarzwald und die Promotion bei Arnold Bergstraesser in Freiburg wurde auch der Kontakt nach Deutschland aufrechterhalten, obwohl das Paar nach New York zog. Dort kam auch die erste von drei Töchtern zur Welt. Das Leben in der neuen Welt begann geradezu klassisch sehr prekär. Luckmann finanzierte die Familie mit mehreren Nebentätigkeiten, etwa als Hausmeister oder als Chauffeur. Durch einen Zufall erhielten dann aber beide Stipendien an der Graduate Faculty der New School for Social Research. Diese Institution hatte viele sozialwissenschaftliche Emigranten aus Europa aufgenommen und ihnen die Möglichkeit zur Forschung und Lehre geboten. (Das spätere „Sozialwissenschaftliche Archiv“, das Auckmann zusammen mit Ilja Srubar an der Universität begründete, sollte dann zunächst dem Werk dieser emigrierten Sozialwissen-schaftlern gewidmet sein.) Zu dieser Gemeinschaft der aus dem deutschsprachigen Raum Emigrierten gehörten die Lehrer Luckmanns, also etwa der mittlerweile selbst zum Klassiker der Soziologie avancierte Alfred Schütz, der Philosoph Karl Löwith, der ihn stark beeinflusste, der Phänomenologe Dorian Cairns sowie der Religionssoziologe Carl Meyer. Meyer war es auch, bei dem Luckmann seine erste akademische Anstellung erhielt, um eine halbjährige Feldforschung über die Religion im Nachkriegsdeutschland durchzuführen. Zwar war Peter L. Berger für diese Stelle vorgesehen gewesen, doch musste er als Soldat in den Korea-Krieg ziehen, sodass Luckmann seinen Platz einnehmen konnte. Er hatte Berger davor in den Seminaren von Karl Löwith und Alfred Schütz getroffen und beide waren nicht nur gute Freunde geworden, sondern sollten auch vor allem in den 1960er Jahren viele gemeinsame Texte verfassen.

War Luckmanns Interesse anfangs noch auf viele unterschiedliche Disziplinen gerichtet (seine Magisterarbeit hatte er noch über Albert Camus geschrieben), so wandte er sich an der New School nun entschieden und endgültig der Soziologie zu, weil sie in seinen Augen die interessanten Probleme der Philosophie geerbt hatte. Dieses Interesse an den allgemeinen Fragen einer nicht auf das enge Fachverständnis begrenzten Soziologie behielt er auch bis zum Ende bei. Während er noch immer nebenbei als Interviewer, Forschungsassistent und Berater verschiedener Forschungsprojekte arbeitete, erwarb er 1956 den Ph.D. im Hauptfach Soziologie. Er fand zunächst eine Anstellung am Hobart College im Bundestaat New York. Nach dem Tod von Alfred Schütz im Jahr 1959 kehrte er an die New School zurück und trat dessen Nachfolge an. Zusammen mit Benita, die in Freiburg mit einer Dissertation über Russland als Entwicklungsland promoviert hatte, war Luckmann schon zuvor immer wieder nach Deutschland gereist. 1965 kehrte er endgültig nach Europa zurück und nahm einen Ruf an die Universität Frankfurt an. Der Dialog mit Habermas, mit dem er gemeinsam Veranstaltungen gab, und den anderen Vertretern der Kritischen Theorie wollte jedoch nicht so recht zünden. Auch die Studentenunruhen waren ein Grund für ihn im Jahre 1970, einen Ruf an die gerade neu gegründete Universität Konstanz anzunehmen. Dass er nicht dem gleichzeitig erfolgten Ruf an die Universität von Virginia folgte und in den USA blieb, hing damit zusammen, dass Dahrendorf die Universität mit einem starken sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt konzipiert hatte; darüber hinaus bot die Universität auch breitere interdisziplinäre Anschlüsse, wie etwa den in Konstanz beheimateten Kreis um „Poetik und Hermeneutik“. Die besondere Grenzlage der Universität kam dem Wanderer zwischen den Welten sehr entgegen: Der amerikanische Staatsbürger mit Professur in Deutschland nahm mit seiner Familie einen Wohnsitz in der an Konstanz angrenzenden Schweiz. Doch nicht im angrenzenden österreichischen Vorarlberg, sondern in Kärnten am Ossiacher See baut er sich ein Haus mit Blick auf die Karawanken, seine slowenischen Heimatberge (die zu Baubeginn noch zum sozialistischen Jugoslawien zählten). Wenn er nicht ins Semester eingespannt war oder den zahlreichen internationalen Einladungen zu Vorträgen folgte, verbrachte er dort seine freien Zeiten mit der Familie oder beim Fliegenfischen. Er baute sich eine umfängliche Bibliothek. Am Ossiacher See liegt auch seine Frau begraben, die 1987 starb. Dorthin zog es ihn auch immer häufiger mit seiner neuen Lebensgefährtin, der in Konstanz lehrenden Renate Lachmann. Mit dieser bedeutenden Slawistin führte er einen ungewöhnlichen Dialog und sie hatte ihn auch, abwechselnd mit den Töchtern, bis zu seinem Ende betreut. Am Ossiacher See ist er schließlich nach einer lang andauernden Krebserkrankung auch in seinem Hause gestorben. Thomas Luckmann war nie ein Vielschreiber. Deswegen ist sein Werk keineswegs so unüberschaubar wie das einiger anderer großer Soziologen seiner Generation. Dennoch hat er gleich mehrere Arbeiten verfasst, die schon zu seinen Lebzeiten als klassisch galten. Dazu gehört sicherlich sein religionssoziologisches Meisterwerk „Invisible Religion“ von 1967. Es handelt sich dabei um die Überarbeitung des 1963 zunächst in deutscher Sprache veröffentlichten „Zum Problem der Religion in der modernen Gesellschaft: Institution, Person und Weltanschauung“. Darin werden seine religionssoziologischen empirischen Gemeindearbeiten und seine folgenreiche und immer noch aktuelle Kritik der „Kirchensoziologie“ formuliert. Es enthält überdies eine für ihre einzigartige Breite bekannte „funktionalistische“ Theorie der Religion. Deswegen verwundert es nicht, dass das Werk bis heute in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und nicht nur in der Soziologie, sondern auch in der Religionswissenschaft oder der Theologie zu den Klassikern der Religionstheorie zählt.

Der Erfolg der englischen Überarbeitung des Buches liegt sicherlich auch darin begründet, dass es den Einfluss eines weiteren klassischen Textes aufnahm, der zuvor erschienen war. Es handelt sich um die „Social Construction of Reality“, die er zusammen mit Peter Berger im Jahre 1966 veröffentlichte. Durch seine im Jahr darauf publizierte Taschenbuchfassung sowie die Übersetzung in mehr als zwanzig Sprachen (deutsch 1969) erreicht die „Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ eine weltweite Verbreitung, wie es nur wenigen anderen soziologischen Büchern gelingt. Trotz ihrer klaren Verankerung in der soziologischen Theorie zeichnet sich das Buch durch einen eingängigen Stil aus, der es noch heute zu einem der meistgelesenen soziologischen Texte macht. Das Buch wurde insbesondere in Deutschland zum Auslöser der „neuen Wissenssoziologie“ und international fand und findet es noch immer eine breite Rezeption in einer Vielzahl höchst unterschiedlicher Disziplinen der Sozial-, Geistes und selbst der Natur- und Lebenswissenschaften. Auch wenn Berger und Luckmann sich immer wieder vom „Konstruktivismus“ distanzierten, wurde das Buch zum Gründungsdokument eines Paradigmas, das weithin als „Sozialkonstruktivismus“ bezeichnet wird. Zu den Ansätzen, die direkt und explizit auf das Buch folgen, zählen etwa der Ansatz der „Social Construction of Social Problems“, der „Social Construction of Emotions“, der „Social Constructionism“ und, nicht zu vergessen, der „Neoinstitutionalismus“. Indirekt fließt das Buch auch in die „Science and Technology Studies“, die „Gender Studies“ und den „Postkonstruktivismus“ hinein, die „Sozialkonstruktivismus“ jedoch häufig als ein Schlagwort verwenden. Es ist diese ungenaue Verwendung, die Luckmann, der immer großen Wert auf Präzision gelegt hatte, besonders verärgerte. Deswegen distanzierte sich Luckmann – und mit ihm Berger – immer häufiger vom Buch, für das sie fortwährend doch so viel lob erhalten. Luckmanns Zusammenarbeit mit Berger erstreckte sich auf eine Reihe weiterer Aufsätze. Doch nachdem Berger Anfang der 1970er Jahre die grundlegende Differenz seines „substantialistischen“ zu Luckmanns „funktionalistischen“ religionssoziologischen Ansatz herausgestellt hatte, kam ihre bis dahin so fruchtbare Zusammenarbeit ins Stocken. Erst eine Initiative von Bertelsmann in den 1990er Jahren regte die beiden Autoren zu einer letzten gemeinsamen Publikation an. Sie verfassten eine Gesellschaftsdiagnose, der sie den Titel „Modernität, Pluralismus und Sinnkrise. Die Orientierung des modernen Menschen“ (gütersloh 1995) geben. Weil die „Gesellschaftliche Konstruktion“ ihren Ausgang bei der Phänomenologie und dem Bewusstsein des handelnden Subjekts nimmt, kommt der Sprache für die soziologische Ausarbeitung eine so große Bedeutung zu; sie ist die wichtigste „Objektivation“ des handlungsleitenden Wissens. Deswegen wendete sich Luckmann in der Folge der Erforschung der Sprache zu. Schon 1975 veröffentlichte er eine umfassende Monographie über die „Sociology of Language“, die er für Königs „Handbuch der empirischen Sozialforschung“ zu einem umfänglichen Kapitel umarbeitete. Diese Beschäftigung mit der Sprache läutete dann auch seine Wendung zur empirischen Untersuchung der Sprache, des Sprechens und des kommunikativen Handelns ein. Neben der empirischen Sprach- und Kommunikationsforschung verfolgte er aber auch das philosophisch-methodologische Projekt, das ihn zu einem Hauptvertreter dessen macht, was missverständlich als „sozialphänomenologischer Ansatz“ der Soziologie genannt wird. Hatte er sich in Frankfurt schon mit Methodologie beschäftigt, so machte er sich nun, parallel zu seinen sprachsoziologischen Forschungen, an die Ausarbeitung der „Strukturen der Lebenswelt“ seines Lehrers Schütz. In den späten 1950er Jahren hatte Schütz die Vorbereitung für dieses Hauptwerk getroffen und eine Reihe von „Notizbüchern“ verfasst. Diese Notizbücher, die nun auch im Konstanzer „Sozialwissenschaftlichen Archiv“ (betreut von Ilja Srubar) lagerten, bildeten die Grundlage für Luckmanns Ausarbeitung dieses unvollendeten Werkes. Der erste Band der „Strukturen der Lebenswelt“ erschien schon 1973 in englischer Sprache (deutsch 1975, 1979 bei Suhrkamp als Taschenbuch) und führte in fast kongenialer Weise die Notizbücher von Schütz fort. Diese sind im zweiten Band der „Strukturen der Lebenswelt“ enthalten, der 1984 zuerst in deutscher Sprache bei Suhrkamp erschien. (Später wurden beide Bände in einer Ausgabe beim Universitätsverlag Konstanz zusammengefasst.) Dieser zweite Band trägt sehr viel deutlicher die Spuren von Luckmanns Autorenschaft als der erste Band. Die Bedeutung der Strukturen wird nicht nur daran deutlich, dass er in seinen zahlreichen methodologischen Arbeiten immer wieder darauf zurückgriff; er nutzte die „Strukturen der Lebenswelt“ auch regelmäßig in seinen Einführungsveranstaltungen als grundlegende Propädeutik der Soziologie (daraus ist dann auch seine „Theorie des sozialen Handelns“ von 1992 entstanden).

Erst mit der Veröffentlichung der „Strukturen der Lebenswelt“ in den 1970er Jahren nimmt der Lebensweltbegriff die Bedeutung an, die ihn, wie etwa bei Habermas, zu einem Grundlagenbegriff der Sozialwissenschaften machten. Mit der Rezeption der „Strukturen“ werden auch die methodologischen Konsequenzen dieser „Protosoziologie“ immer deutlicher, sei es in der wissenssoziologischen Hermeneutik Soeffners oder in der lebensweltlichen Ethnographie Honers und Hitzlers. Noch 1980 war Luckmanns Aufsatzband „Lebenswelt und Gesellschaft“ erschienen (1984 in englischer Sprache), der zunächst wenig Beachtung fand. Erst viele Jahre später wurde der richtungsweisende Beitrag einiger dieser (viele spätere Debatten vorwegnehmenden) Aufsätze erkannt. So hatte Luckmann in seinem bahnbrechenden Artikel über die „Grenzen der Sozialwelt“ schon die gesellschaftliche Veränderlichkeit zwischen Natur und Gesellschaft wie auch zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Handelnden betont. Interessanterweise wird gerade diese These vom „Postkonstruktivismus“ gegen den „Sozialkonstruktivismus vorgebracht. Bahnbrechend und weiterhin viel diskutiert ist auch seine These über den „Mythos der Säkularisierung“, die er erstmals schon 1969 formuliert hatte. Sie nimmt viele der gegenwärtigen Debatten über die „Desäkularisierung“, „Wiederverzauberung“ oder Resakralisierung um Jahrzehnte vorweg. Thomas Luckmann ist für seine theoretischen Beiträge weltberühmt geworden, doch wuchs ihm selbst die empirische Forschung im Laufe seines Lebens immer mehr ans Herz. Er kannte sich in den standardisierten Methoden aus, doch leistete er mit seiner Arbeit einen bedeutenden Beitrag vor allem zur Entwicklung der qualitativen oder, wie man in seinem Sinne besser sagen würde, interpretativen Methoden. Geradezu legendär ist das berühmte „Face-to-face“-Projekt zur „Konstitution sozialwissenschaftlicher Daten“. Leider ist es nur in Ansätzen zur Publikation gelangt, doch nahm es viel von dem vorweg, was erst Jahrzehnte später etwa unter dem Titel der Multimodalität, der reflexiven Methodologie und der visuellen Analyse ausgearbeitet wurde. Auch in seinen weiteren, zumeist von der DFG unterstützten Forschungsprojekten zeigt sich das immer stärker wachsende Interesse an der qualitativen, interpretativen Forschung. Dieses Interesse wurde von Jörg Bergmann geteilt, der ihn mit der Konversationsanalyse und dem Umgang mit „natürlichen Daten“ vertraut gemacht hat. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchs das Konzept der „kommunikativen Gattungen“, das eine große Zahl an empirischen Analysen anregte. Es strahlt bis heute auf die verschiedenen Methodeninnovationen aus, die im Umfeld der (gegen seine entschiedene Weigerung zur „Schulenbildung“) so genannten „Konstanzer Schule“ entstanden sind: Zu diesen Innovationen zählen die lebensweltliche Ethnographie von Honer und Hitzler, die wissenssoziologische Hermeneutik von Hans-Georg Soeffner, seinem Nachfolger in Konstanz, die Filmanalyse von Angela Keppler, die Videographie, an deren Entwicklung ich beteiligt war, oder die Wissenssoziologische Diskursanalyse Kellers. Wie Luckmann in seinen immer häufiger werdenden Interviews wiederholt betont, hatte ihn vor allem die an die Konversationsanalyse angelehnte Arbeit an „natürlichen“ Daten aus realzeitlich aufgezeichneten Interaktionen fasziniert. Diese Begeisterung für den Umgang mit empirischen Daten zeigte sich auch in den „Daten-Sitzungen“, einem Format, an dessen Entwicklung und Ausbreitung er selbst beteiligt war.

Das Interesse für die empirische Forschung hatte sehr entschiedene methodologische Gründe, ging es doch darum, zu versuchen, die Theorie an den Common Sense rückzubinden. „Common Sense“ oder „Alltagswissen“ war das Thema seiner erweiterten Wissenssoziologie, die sich nicht mehr nur um die „Intellektuellen“ oder die Frage nach dem Wahren oder Falschen kümmerte, sondern um die soziale Wirklichkeit, die unter Leitung dieses Wissens im sozialen Handeln konstruiert wird. So sehr diese Konstruktion sozial ist und damit Gegenstand einer empirisch und methodologisch reflektierten Soziologie wurde, so zielten seine wissenschaftlichen Interessen immer auch auf andere Aspekte und damit andere wissenschaftliche Disziplinen, wie etwa die Geschichtswissenschaft, die Ethnologie oder die Sprachwissenschaft, sodass er dem mit Studiumbeginn eingeschlagenen Weg einer Multidisziplinarität verhaften blieb. Dieser Breite des Interesses entsprach eine enorme Breite des Wissens, die sich weit über die Soziologie oder Sozialwissenschaften hinausbewegte: Er interessierte sich für die Philosophie ebenso wie für die Literatur, für die Geschichte, für Ornithologie und, privat, mit einer großen Passion fürs Fliegenfischen. Die enorme Breite des Wissens zeichnet auch seine kulturelle Orientierung aus, die nicht nur die deutschsprachige und die angelsächsische Kultur gleichsam in einer Person vereinigte; da Slowenisch seine Muttersprache war und er auch eine Reihe anderer Sprachen beherrschte, verband er nicht nur die deutsche Theorieorientierung mit dem angelsächsischen Empirismus sowie Pragmatismus, sondern dachte auch über die Grenzen dieser Kulturräume hinaus. Sind seine Schriften und Vorträge schon klassisch geworden, so entfaltete sich eine seiner bemerkenswertesten Fähigkeiten im Gespräch: Wenn Diskussionen, Fragen und Antworten konfus zu werden drohten, konnte er, begleitet von seinen geradezu kunstvoll komplexen Tafelbildern, das Wissen auf eine Weise in eine umfassende Ordnung fügen, die viele in den Bann zog. Wie ich verdanken sie ihm deswegen nicht nur kluge Ideen, sondern auch die Erfahrung einer bestechenden Klarheit, Genauigkeit und Systematik des Denkens und eine Vorstellung davon, wie die Soziologie als eine strenge Wissenschaft empirisch und theoretisch betrieben werden kann. Häufig bemerken wir das Fehlen dieser besonderen Leistungen einzelner Menschen erst so Recht, wenn sie nicht mehr da sind. Dann bemerken wir, dass wir diese Gespräche nicht mehr führen können. Wir haben mit Thomas Luckmann einen Großen an den Tod verloren, der Soziologie in einem eigenen Sinne prägte. Wir können dankbar sein, dass die Spuren seines Denkens in seinen Texten erhalten sind, die der Soziologie gerade in den heute so fahrigen Zeiten einen Stand und eine Richtung geben können.

Prof. Dr. Hubert Knoblauch

Mitteilungen

Preis der Fritz Thyssen Stiftung für sozialwissenschaftliche Aufsätze (Begründet durch Prof. Dr. Dr. h. c. Erwin K. Scheuch) Zeitschriftenjahrgang 2015

Zum fünfunddreißigsten Mal wurden durch eine Jury im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln der Preis der Fritz Thyssen Stiftung für die besten sozialwissenschaftlichen Aufsätze in deutscher Sprache vergeben. Dies ist der einzige Zeitschriftenpreis in den Sozialwissenschaften außerhalb des englischsprachigen Bereichs. Der Preis wurde von Prof. Dr. Dr. h. c. Erwin K. Scheuch initiiert und wird seit der ersten Verleihung im Jahre 1981 von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert und durch das Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (bis 2012 durch das Forschungsinstitut für Soziologie) koordiniert. Die Auswahl der Arbeiten erfolgt in zwei Stufen. Die herausgeber und Redakteure von 16 deutschsprachigen Zeitschriften in den Sozialwissenschaften schlagen jeweils einen, im begründeten Ausnahmefall zwei Aufsätze pro Jahrgang vor, die anschließend von einer Jury begutachtet werden.

Die Zeitschriften sind:
Berliner Journal für Soziologie
Geschichte und Gesellschaft
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie
Leviathan
Medien & Kommunikationswissenschaft
Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft
Österreichische Zeitschrift für Soziologie
Politische Vierteljahresschrift
Publizistik
Swiss Journal of Sociology
Swiss Political Science review
Soziale Welt
Zeitschrift für Politik
Zeitschrift für Politikwissenschaft
Zeitschrift für Soziologie

Die Jury setzt sich zurzeit zusammen aus den Professoren:
Prof. Dr. Rainer Geißler, Universität Siegen (seit 2009)
Prof. Dr. Marita Jacob, Universität zu Köln (seit 2012, Vorsitzende)
Prof. Dr. Ralph Jessen, Universität zu Köln (seit 2002)
Prof. Dr. Philip Manow, Bremen University (seit 2014)
Apl. Prof. Dr. Gertrud Nunner-Winkler, Pullach (seit 1994)
Prof. Dr. Barbara Pfetsch, Freie Universität Berlin (seit 2014)
Prof. Dr. Ortwin Renn, Universität Stuttgart (seit 2014)
Prof. Dr. Manfred G. Schmidt, Universität Heidelberg (seit 2005)
Joël Binckli, M. A. Universität zu Köln (seit 2012, Koordinator)

Für den Jahrgang 2015 wurden von den Zeitschriftenredaktionen 15 Arbeiten zur Prämierung vorgeschlagen. In ihrer Sitzung am 8. 7. 2016 entschied die Jury, für diesen Jahrgang den ersten und zweiten Preis, sowie zwei dritte Preise zu vergeben. Den ersten Preis (dotiert mit 1500 €) erhält:
Klaus Armingeon, Kai Guthmann und David Weisstanner
Wie der Euro Europa spaltet. Die Krise der gemeinsamen Währung und die Entfremdung von der Demokratie in der Europäischen Union
Politische Vierteljahresschrift, Jg. 56, Heft 3, Seite 506–531

Den zweiten Preis (dotiert mit 1000 €) erhält:
Alexander von Kulessa und Georg Wenzelburger
Starker Steuerwettbewerb – starke Reformen? Ein neuer Blick auf unternehmens-steuerreformen in 15 EU-Staaten (1998–2011)
Swiss Political Science Review, Jg. 21, Heft 2, Seite 302–332

Den dritten Preis (dotiert mit je 500 €) erhalten:
Petra Böhnke, Janina Zeh und Sebastian Link
Atypische Beschäftigung im Erwerbsverlauf: Verlaufstypen als Ausdruck sozialer Spaltung?
Zeitschrift für Soziologie, Jg. 44, Heft 4, Seite 234–252
Roman Rossfeld
„Abgedrehte Kupferwaren“: Kriegsmaterialexporte der schweizerischen Uhren-, Metall- und Maschinenindustrie im Ersten Weltkrieg
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Jg. 56, Heft 2, Seite 515–551

Ankündigungen

A Great Transformation? Global Perspectives on Contemporary Capitalisms International Conference – Johannes Kepler University – Linz/Austria, 10.–13. 1. 2017

Concept, questions, speakers, and issues of the conference
Ever since the global economic area opened up in the 1990s – and most recently, in the wake of the 2008 financial crisis – Karl Polanyi’s economic and cultural history of capitalism, published as the Great Transformation in 1944, has been attracting renewed attention. Given his deft analysis of the liberal creed or how he refers to labor, land, and money as fictitious commodities, Polanyi’s critique of capitalism has never disappeared from the discussion. However, the unleashing of the market – and more specifically, of financial markets – has resulted in his ideas being widely received among sociologists, political scientists, and economists from all over the world. Polanyi’s analyses of the relationship between economy and society, and between economy/market and politics/state – along with his perspectives on civil society movements – all seem to be custom-made for capturing the crises, changes, and transformations of contemporary capitalisms. Meanwhile, Polanyi’s ideas and models have been profusely revised, pursued, developed, and checked for appropriateness when analyzing developments in the global North and South. Moreover, a wealth of answers has emerged to the question of how his particular analysis of society may have inspired sociology, political science, and economics. The conference A Great Transformation? Global Perspectives on Contemporary Capitalisms seeks to continue this discussion, identify new salient points and study the following questions: How do developments in contemporary capitalisms in the global North and South constitute a great transformation, i. e. an epochal change in which the relationship between politics/state and economy/market undergoes fundamental changes at the global, international, transnational, and national levels? Have there been parallel, contradictory or interwoven developments and what form do these take? how are they shaped by social inequalities arising from gender, ethnicity and class, by power and dominance, and by conflict and resistance? How can all these developments be considered in light of Karl Polanyi’s The Great Transformation? How do other analyses of and theories on capitalism rooted in sociology, political science, and economics contribute to social analysis and criticism? Where do they interlink with Polanyi’s perspective and where do they take different paths? All these questions will be thoroughly discussed at this interdisciplinary international conference. The conference will start with an opening speech by Michael Burawoy, University of California, Berkeley/USA, and conclude with his on-stage conversation with Kari Polanyi Levitt, Mcgill University, Montreal/Canada. Keynote speakers will be José Luis Coraggio, Universidad Nacional de General Sarmiento, Buenos Aires/Argentina and Beverly Silver, Johns hopkins University, Baltimore/USA.

Organizers and hosts of the conference:
DFG-Kollegforscher_innengruppe „landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“, Friedrich-Schiller-University, Jena/germany (Klaus dörre).
Institute for Comprehensive Analysis of the Economy, Johannes Kepler University, Linz/Austria (Jakob Kapeller).
Institute of Political Science, University of Vienna/Austria (Ulrich Brand, Birgit Sauer, Dieter Segert).
Institute of Sociology, Johannes Kepler University, Linz/Austria (Roland Atzmüller, Brigitte Aulenbacher, Fabienne Décieux, Karin Fischer; Conference Administration: Heidemarie Schütz).
http://www.jku.at/conferences/great-transformation

Selbstsein als Sich-Wissen? Zur Bedeutung der Wissensgeschichte für die Historisierbarkeit des Subjekts

Internationale Tagung am DFG-Graduiertenkolleg „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive“, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, 26.–28. 1. 2017

Dass das Subjekt nicht als Universalie, sondern als lokalisierbares und historisierbares Phänomen zu konzeptualisieren sei, hat sich als Forschungsprämisse in der jüngeren Zeit etabliert. Die Kontextabhängigkeit von Selbstbildungen lässt sich mittels des Begriffs der Subjektivierung denken: Das Subjekt ist nicht gegeben, sondern wird erzeugt, und erzeugt sich selbst, in einem komplexen Wechselspiel zwischen Individuum und den realen Zusammenhängen und Gegenständen seines Tuns und Denkens. Den methodologischen Zugriff auf diese Problematik haben zuletzt vor allem gouvernementalistische und (im deutschen Sprachraum) praxeologische Perspektiven bestimmt: Zum einen legt schon die Etymologie des Subiectum den Zusammenhang von Unterwerfung und Selbstwerdung nahe, zum anderen erlaubt die Beschreibung des Subjekts als Tun (nicht: Sein), die sozialen Verflechtungen zu erfassen, innerhalb derer es sich zugleich selbst engagiert und geformt wird. Beide Ansätze setzen dabei auch eine Implikation von Wissen voraus: der gouvernementalistische, indem er mit Dispositiven als Macht/Wissen-Komplexen argumentiert (vgl. etwa Nikolas Rose), der praxeologische, indem er den Praktiken in Form von „Codes“ eingeschriebene Sinnstrukturen voraussetzt (Andreas Reckwitz). Die geplante Tagung wirft die Frage auf, wie sich ein solches Wissen konzeptualisieren lässt und welche methodologische Relevanz es für die Arbeit mit dem Begriff der Subjektivierung besitzt. Die Problemstellung geht dabei über die Verortung von Wissen in den genannten Ansätzen hinaus: Zu klären ist, inwieweit die Wissensgeschichte des Subjekts selbst – und zwar als Geschichte seiner theoretischen Konzeptionen – für die Problematik der Subjektivierung relevant ist. Inwiefern werden wir Subjekte durch das, was wir über das Subjektsein wissen? Und inwiefern aktualisieren und transformieren wir dieses Wissen dabei? Damit ist auch die Frage danach gestellt, inwiefern sich Subjektivierung als ein nicht nur durch Praktiken oder Machtverhältnisse, sondern vor allem durch Wissen hervorgebrachter Vorgang konzeptualisieren lässt, und auf welche Weise (human-wissenschaftliche) Diskurse, die die historische existenz eines Subjektwissens verbürgen, dabei zusammenwirken.

Das ausführliche Tagungskonzept ist unter folgendem Link abrufbar: ➔https://www.uni-oldenburg.de/forschung/koordinierte-forschungsprogramme/graduiertenkolleg-selbst-bildungen/termine/termin-einzelansicht/cal/selbstsein_als_sich_wissen_2528/event/

Doing Gender in Exile. Internationale Konferenz Wien, 18.–20. 10. 2017

Die Österreichische Gesellschaft für Exilforschung (öge) und deren Frauen-AG laden Forschende aller Disziplinen zur internationalen Konferenz Doing Gender in Exile ein, die im Oktober 2017 in der Aula am Campus der Universität Wien stattfindet. Mit dem Thema Doing Gender in Exile soll das Exil als Labor für die Transformation von Geschlechtlichkeit und sexuellen Identitäten neu in den Blick genommen werden. Unter Exilbedingungen können Menschen wesentliche Handlungsräume verlieren, aber auch gewinnen – und solch eine Neupositionierung im öffentlichen wie im privaten Raum kann Konstruktionen und Haltungen im Zusammenhang mit eigener und fremder Geschlechtlichkeit verändern. Gerade im Kontext der Exilforschung wurden diese Prozesse noch immer nicht ausreichend beachtet und analysiert. Doing Gender in Exile soll das Forschungsfeld für neue theoretische Impulse seitens der Gender Studies, der transnationalen Geschlechtergeschichte und der Migrationsforschung öffnen. Die Tagung nimmt Exilsituationen aufgrund des Nationalsozialismus und der Europäischen Faschismen im 20. Jahrhundert als Ausgangspunkt, ist aber offen für die vergleichende Bearbeitung anderer Formen des Exils und Fluchtbewegungen (z. B. auch „innere Emigration“), regionaler und transnationaler Aspekte und die neue Aktualität der Thematik. Mit Bezug zur „Laborsituation Exil“ soll der Konstruktionscharakter von Geschlecht, von Diskursen und Organisationsformen um Geschlechtlichkeit, von Praktiken der Erzeugung von Geschlechterdifferenz, von Machtverhältnissen und sozialen Ungleichheiten beleuchtet werden. Gender wird in diesem Zusammenhang als analytische Kategorie verstanden, die sich auch der Verbindung mit anderen Differenzkategorien öffnet.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zu Verfügung.
Koordination und Organisation der Konferenz:
Dr. Irene Messinger und DDr. Katharina Prager
doing_gender@exilforschung.ac.at

Erratum

In dem Beitrag von Martin Bujard und Harun Sulak „Mehr Kinderlose oder weniger Kinderreiche? Eine Dekomposition der demografischen Treiber in unterschiedlichen Phasen des
Geburtenrückgangs in Deutschland“, erschienen in Heft 3-2016 der KZfSS (S. 487–514) wurde im Cover und im Inhaltsverzeichnis versehentlich bei Harun Sulak der Vorname mit Harin jeweils falsch abgedruckt. Es muss richtig heißen: Harun Sulak.